Doping: Kohl, Bernhard

Profis und Amateure erzählen

Bernhard Kohl

Bernhard Kohl:
Du führst ein Doppelleben – und wenn du das erste Mal Doping nimmst, beginnst du damit. Du weisst, dass viel mehr dopen, aber keiner gibt es zu. … Man lernt das und hat zwei Personen in sich. Die eine weiss: «So läuft es.» Die andere steht in den Medien und redet völlig anders. Sie muss überzeugend wirken, um authentisch zu sein. … Die Medien sagten, es gebe die Alten – und es gebe die Jungen, und die stünden für sauberen Sport. Das wurde uns in den Mund gelegt, von Medien und Teams. Ich als junger Athlet musste das in der Öffentlichkeit vertreten, weil ich das vorgelebt bekam. Hätte ich sagen sollen: «Ich dope aber eigentlich»? Das geht doch nicht. Dazu hat der Sportler zwei Personen. (NZZ, 27.6.2009)

Bernhard Kohl, österreichischer Radfahrer fuhr 2007 und 2008 für das deutsche ProTour-Team Gerolsteiner. Am 20. Juli 2008, auf der 15. Etappe von Embrun nach Prato Nevoso erreichte er den 4. Tagespatz uns übernahm das Trikot des besten Bergfahrers als erster Österreicher der Geschichte. Dieses gepunktete Trikot behielt er bis Paris, zudem beendete er die Tour auf Rang 3.

Dieser Erfolg wurde von vielen als Erfolg einer neuen sauberen Generation gefeiert.

Im Oktober kam die Ernüchterung. Bernhard Kohl und Stefan Schumacher, ebenfalls Team Gerolsteiner, wurden mittels Nachkontrollen und neuer Testverfahren des EPO-CERA-Dopings überführt. Stefan Schumacher leugnet bis heute. Bernhard Kohl gab recht schnell sein CERA-Doping zu und wurde ab dem 3.7.2008 für zwei Jahre gesperrt.

Im März 2009 erweiterte er seinen Aussagen und legte seine jahrelange Dopingkarriere mit Blutdoping, Testosteron, hGH, Insulin und EPO offen. Das Verfahren wurde daraufhin erneut aufgenommen (kurier.at, 12.6.2009). Die Rechtskommision kam zu folgender Entscheidung: „Verhängung einer zusätzlichen lebenslangen Sperre nach Ablauf der bereits verhängten Sperre am 3.7.2010 Aussetzung der Zusatzsperre nach Ablauf von 4 Jahren, womit eine Startberechtigung wieder ab 4.7.2014 besteht.“ (NADA-Entscheidung 2010)

Bernhard Kohl wurde zu einem der wichtigsten Kronzeugen in Sachen Doping. Aufgrund seiner Aussagen gelang es ein umfangreiches Dopinggeflecht, in dem nicht allein Radsportler verstrickt waren und sind, aufzuzeigen.

>>> Bernhard Kohls Dopingplan

Zitate
Kurier, 10.10.2009

…)
Stefan Matschiner verfolgte vom Hotelzimmer aus die Tour und wartete. „Stefan schickte mir gegen 17 Uhr eine SMS mit seiner Zimmernummer.“ Die Nervosität wuchs. Nun galt es, sich zum Zimmer des Managers zu begeben. Den Gang entlang. Hoffentlich merkt es niemand. „Ich schaute auf mein Mobiltelefon, ob es sich um das richtige Zimmer handelte. Dann klopfte ich an die Tür. Stefan öffnete und sagte: ‚Servas, Oida!‘, und nach einem kurzem Small Talk ging es gleich zur Sache.“
(…)
Im Schlauch, der bis zur Nadel führt, war das Blut bereits drinnen. „Dann stach Stefan Matschiner zu. Dreißig Sekunden lang wurde das Blut eingelassen. Dann wurde abgedreht. Bei schlechter Lagerung oder Verunreinigung des Blutes wäre ein allergischer Schock die Folge. Das merkt man schnell, nach zehn Minuten, hat Matschiner erzählt.“

In diesem Fall lief alles, also das Blut, nach Plan, nach dreißig Minuten sei die Prozedur zu Ende gewesen. „Danach haben wir den Plasmaexpander Humanalbumin zugeführt, um den Hämatokritwert wieder zu senken.“

Das alles unter enormer Anspannung. „Du denkst dir: Wahnsinn. Das ist eines der größten Ereignisse des Weltsports, und du sitzt da und lässt dir Blut zuführen, obwohl du weißt, es ist verboten. Das Herz rast. Du denkst, hoffentlich geht nichts schief.“ Nach dem Vorgang verschwanden die Beweismittel. Beutel und Infusionsbesteck wurden zerschnitten, mit der Schere. Dann im Klo runtergespült.
(…)
Kohl: „Teamarzt Mark Schmidt half. Er war eingeweiht in die Dopingvorgänge. Zum Glück hatte ich ein Messgerät daheim, das hat dann Matschiner mitgenommen. Matschiner und Schmidt haben sich in Stefans Zimmer getroffen. Er übergab dem Arzt das Messgerät. Ab diesem Zeitpunkt war das Ding immer bei Mark Schmidt. Ich konnte jederzeit messen, um meine Werte konstant zu halten.“ Bernhard Kohl ließ alle zwei bis drei Tage seinen Hämatokritwert von Schmidt messen, erzählt er. Manchmal schlich sich der Sportler morgens gegen 6.30 Uhr ins Zimmer des Mediziners, „wo er mir dann mein Blut mit einer Kochsalzlösung verdünnt hat, um meinen Wert zu senken.“
(…)
Ich fragte Teamarzt Schmidt, wo wir am besten die Blutzufuhr veranstalten könnten. Mark bot sein Zimmer an.“ Beim Abendessen rauschte auf einmal eine Botschaft herein. Erster Dopingfall bei der Tour. Manuel Beltram, positiv auf Epo. Große Empörung an der Gerolsteiner Tafelrunde. „Ich musste das Spielchen mitspielen. Umso unangenehmer das Gefühl, da ich wusste, in einer halben Stunde würde ich selbst wieder dopen.“

Unmittelbar nach dem Abendessen in dem Restaurant ums Eck verschwand Bernhard, offiziell wegen Magenschmerzen. „Dadurch fiel es nicht auf, da mir Mark ja was gegen meine angeblichen Beschwerden geben musste. Mit Matschiner trafen Mark und ich uns vor dem Hotel.“

Dr. Mark Schmidt öffnete sein Zimmer und marschierte zurück ins Restaurant, um jeglichen Verdacht zu vermeiden. „Im Zimmer des Arztes haben wir dann den zweiten Blutbeutel zugeführt.“
(…)
Doch Gernot war längst nicht so professionell wie sein Meister. Es hatte 50 Grad im Hotelzimmer. „Ich war völlig durchnässt“, erinnert sich Bernhard. „Ich hatte Angst, dass das nicht gut geht. Für Stefan war es Routine, für Gernot Stress pur. Wir hatten nichts zum Abbinden. Stefan hatte immer eine Binde, wie beim Blutspenden. Gernot hat daneben gestochen. Wir haben abgedreht. Ich habe die Kanülle rausgezogen, das Blut ist rausgespritzt und auf den Teppich. Alles war voller Blut. Gernot hat geschrubbt wie ein Wilder. Dann sagte ich: ‚Halte du, ich steche mich.'“

Schließlich ging alles gut.
(…)
„Das Blut führt man im Idealfall zwei Tage vorher zu. Dann hat es die beste Wirkung. Drei Tage davor hatte ich Hämatokritwert 46 und noch Spielraum bis zum Grenzwert 50. Ich hatte aber ein ungutes Gefühl. Ich hatte schon viel mehr erreicht, als ich mir erhofft hatte.“ Teamarzt Schmidt habe gemeint, man könne die letzten Prozentpunkte auch noch nutzen. Doch habe sich der Sportler dagegen entschieden, „obwohl Gernot schon vor Ort war.
(…)
Bernhard hatte zu Mark Schmidt ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. „Ich hatte zu ihm von Beginn an eine gute Gesprächsbasis. Irgendwann kamen wir auf Doping zu sprechen. Er sagte: ‚Logisch, dass man es machen muss.‘ Er sagte einmal, dass ich nicht der Einzige im Team sei, der Blutdoping fabriziere.“

Mark Schmidt dementiert alle Vorwürfe über seinen Anwalt, der sein Vater ist. Ansgar Schmidt: „Das sind lauter Falschmeldungen. Niemals hat Mark Schmidt Dopingmittel weitergegeben oder verabreicht.“
(…)

Kurier, 12.10.2009

>>> Affaire: Humanplasma und mehr

(…) „Bevor ich Kunde bei der Blutbank Humanplasma wurde, hat mir Stefan vorgeschlagen, selbst Blutdoping zu fabrizieren. Er meinte, Blutdoping sei völlig ungefährlich, da es im Prinzip wie Blutspenden ablaufe. Zudem seien bei seinen zahlreichen anderen Sportlern auch noch nie Probleme aufgetreten. Das Wichtigste sei nur, dass man den Blutbeutel im Kühlschrank lagere und ihn vier bis fünf Mal am Tag wendet, um möglichen Verklumpungen vorzubeugen. Seine Ausführungen klangen fundiert, was mich ein wenig beruhigte. Also stimmte ich zu.“

(…)
„Ich wollte das Risiko nicht eingehen, dass ich vielleicht einen Blutbeutel von einem anderen Sportler zurückbekomme. Also entschied ich mich, den Blutbeutel bei mir zu Hause im Kühlschrank aufzubewahren. Ich wollte sichergehen, was mit meinem Blut in der Zwischenzeit passiert.“

Daheim ist es sicher. Der Blutbeutel zwischen Rotwein und Ketchup, da sollten Verwechslungen ausgeschlossen sein. „Den Beutel habe ich in regelmäßigen Abständen rausgenommen und gewendet, um Verklumpungen zu verhindern.“
(…)
Probiert aber hat er es [die eigene Refundierung]. „Es war alles aufgebaut. Ich wollte mir das Blut selber zuführen. Ich hatte keinen Arzt zu diesem Zeitpunkt. Und Stefan war gerade irgendwo unterwegs.“

Also ballte Bernhard sein Glück auf eigene Faust. Doch es siegte der Zweifel. „Ich habe mir gedacht, wenn jetzt etwas passiert, irgendein allergischer Schock, da findet mich keiner.“

Das Blut war aufgewärmt, das Infusionsbesteck lag bereit, Bernhard hatte die Nadel schon angesetzt. „Einmal hab ich gestochen, habe die Vene verfehlt. Da hab ich mir gedacht, das ist ein Zeichen. Ich habe das ganze Zeug weggeschmissen. Das war Wahnsinn. Ich bin heute heilfroh, dass ich diesen Blutbeutel entsorgt habe. Ich frage mich: Wie krank ist das System eigentlich, in dem der Einzelne so zu funktionieren hat, wenn er bis ganz nach oben kommen will?“

NZZ, 27.6.2009:

(…)
Von Ihnen ist bekannt, dass Sie schon 2001, als 19-Jähriger, mit Doping begannen. Wie kam das?
Ich ging zur Bundeswehr, zur Sportförderung. Da wohnte ich mit anderen Sportlern aus anderen Sportarten zusammen, die älter waren. Wenn man Freundschaften aufbaut, wird man eingeweiht, und so steht man schon sehr früh vor der Kreuzung, ob man Profi werden und seinen Traum weiterleben will – oder es gleich sein lassen will. Wenn man mit 19 erfährt, wie gedopt wird, kann man sich ja ausrechnen, wie es als Profi sein muss.

Das ist also kein Tabu in diesem Umfeld?
Nein. Und man will natürlich immer die besten Mittel haben und wissen, wie’s läuft. Und so bekommt man rasch vieles mit, und man hat bald die erste Spritze in der Hand. Und man setzt sie.

Das war für Sie kein Problem?
Die erste Spritze war Horror. Nicht unbedingt wegen des Dopings, sondern wegen der Spritze – wenn man sich noch nie zuvor eine Spritze selber gesetzt hat. Ich legte sie mehrmals weg, nahm sie wieder, setzte erneut an, auf die Bauchfalte. Bis ich hineinstach, verging eine gute Stunde.

Was war es?
Wachstumshormone.

Sahen Sie Doping nie als gesundheitliche Gefahr?
Leider nicht. Ich wurde nie aufgeklärt über mögliche Folgen. Man bekommt vieles mit, denkt aber, Zeitungen schreiben irgendwas. Wenn mich ein Arzt fragte, ob ich Doping verwende, sagte ich «Nein». Wieso hätte er mich also aufklären sollen?

Wussten Ihre Trainer Bescheid?
Nein. Andere Athleten wussten es. Oder eben Hintermänner. Oder Stefan Matschiner. “ (…)

kurier.at, 25.5.2009:

(…) Sie sind jetzt 27 und waren 19, als Sie das erste Mal zu unerlaubten Mitteln gegriffen haben…
(…) Kohl: „… ja, mit 19 Jahren habe ich das erste Mal Doping benutzt, als ich ins Heeressportzentrum gekommen bin, so früh fängt das an. Das ist der U-23-Bereich.“

Mit welchem Alter war Ihnen denn erstmals bewusst, dass das, was Sie nehmen, nicht nur ihre Leistung steigert, sondern Ihr ganzes Leben nachhaltig verändern kann?
Kohl: „Man verdrängt das, das fängt so früh schon an, das wird so zur Normalität. Weil die schlechten Aspekte bekommt man ja nicht aufgezeigt, weil man sagt ja, man dopt nicht. Was will man anderes sagen? Das heißt, es kümmert sich keiner drum, dass er die Problematik aufzeigt, was kann das wirklich für körperliche Schäden bewirken. Die Aufklärung hat bei mir komplett gefehlt, die hat es de facto im Endeffekt bis heute nicht gegeben.

Wie kommt man mit 19 an Dopingmittel, wie hat das alles bei Ihnen angefangen?
Kohl: „Mit 19, da habe ich vielleicht drei, vier Spritzen mal genommen. Das ist dann in einem relativ kleinen Bereich. Man fährt ja nicht von heute auf morgen einen Porsche, sondern man fängt mit einem kleinen an. Und so ist das bei Doping auch. Man kriegt von anderen Sportkollegen langsam mit, wie das abläuft, und dann kriegst du da mal eine Spritze, dort einmal was. Und das wird natürlich dann immer professioneller. Und wenn man dann einmal Profi wird, und das schaffen ja auch nicht sehr viele, dann versucht man natürlich auch den Punkt zu professionalisieren, dass man richtig ein System reinbekommt. Weil wenn man schon weiß, das fängt im U-23-Bereich an, dann muss es natürlich im Profisport systematisch sein. Und das ist nicht nur im Radsport das Problem.“

War Stefan Matschiner derjenige, der Ihnen zu Professionalität im Doping verholfen hat?
Kohl: „Das ist richtig. Ich bin dann Profi geworden bei T-Mobile. Und da habe ich mir gedacht, jetzt wäre es endlich an der Zeit, da ein System reinzubekommen, um das professionell zu machen. Weil natürlich die Dopingkontrollen immer häufiger wurden. In der U-23-Zeit waren die Kontrollen relativ wenig, da wird einem nicht die Aufmerksamkeit geschenkt. Und da ist vielleicht auch der Ansatzpunkt, dass man in dem Bereich die Kontrollen macht. Weil in jungen Jahren kommt man sicher nicht zu Produkten, die nicht nachweisbar sind. Da kommt man erst hin, wenn irgendwann wirklich System dahinter ist.

Sie sprechen davon, nicht in das System zurück zu wollen, Sie sprechen vom systematischen Doping im Profiradsport. Das impliziert, dass es jeder tut, dass es auf der Tagesordnung steht?
Kohl: „Meine Aussagen bergen Gefahr. Es war noch kein Sportler, oder kein Weltspitzensportler, so konsequent, dass er sagt, ‚Okay, es ist so: Ich lege das mal auf den Tisch.‘ Das System ist nicht anders wie vor einem Jahr, es wird sich nichts ändern. Die Medien stellen die Problematik immer größer dar, und umso mehr das Problem da ist, umso mehr müssen sich die Sportler dagegensetzen. Die ganzen Gläsernen Athleten, die es momentan gibt – ich hätte genauso mitgemacht. Klar, weil umso mehr das Thema Doping in den Blickpunkt kommt, umso mehr musst du dich als Sportler dagegensetzen.“
(…)

orf.at, 31.3.2009:

(…)
„… über die Mittel, die er von Matschiner erhalten hat:

Kohl: EPO, Wachstumshormone, Testosteron, Blutdoping und Insulin. Letzteres diente der besseren Regeneration.

über den Zeitraum seines Dopingmissbrauchs:

Kohl: Mein erster Kontakt zu Herrn Matschiner war 2005. Von damals bis zum Ende hat er mich damit versorgt.

über die ihm entstandenen Kosten:

Kohl: In Summe waren es über die Jahre wohl rund 50.000 Euro. Das kann ich nur schätzen.

über das Ende der Dopingaktivitäten:

Kohl: Das war im Juli 2008.

über den letzten Blutdopingmissbrauch:

Kohl: Das war nach der Tour de France.

über den genauen Zeitpunkt der letzten Matschiner-Lieferung:

Kohl: Dopingsubstanzen vor August, Blutdoping zum letzten Mal erst im September, da hat Blutdoping bei mir auch noch stattgefunden.

über Matschiners Blutzentrifuge:

Kohl: Sie stand in seinem Haus in Oberösterreich, dort wurden die Transfusionen auch durchgeführt. Meine Kosten beim Ankauf von Humanplasma lagen bei 20.000 Euro. Insgesamt drei Sportler zahlten bei der Anschaffung mit, andere zahlten für deren Benützung. Ob Matschiner einen Teil beigetragen hat, weiß ich nicht. (…) „