Doping: 2005 Team T-Mobile

Team Telekom/T-Mobile und Doping: Hier geht es zu den Jahren:

 
 

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2005 das Team T-Mobile und Doping – Schein und Sein

Die Dopingerkenntnisse entsprechen weitgehend denen des Jahres 2004. Neu sind die Aussagen von Bernhard Kohl, der 2005 zu T-Mobile kam. Er hatte schon zuvor, ab dem Alter von 19 Jahren nachgeholfen, doch 2005 begann er mit Hilfe von Stafan Matchiner eine ‚professionelles‘ Programm mit EPO, Wachstumshormonen, Testosteron, Blutdoping und Insulin.

Die Zusammenarbeit Ullrichs mit Arzt Cecchini bestand weiterhin. Laut CAS-Urteil gibt es Hinweise auf eine Zusammenarbeit Jan Ullrichs mit Dr. Eufemiano Fuentes ab 2004 und womöglich noch früher, so liegt eine Banküberweisung über € 25 003,20 vor („Ullrich’s bank statements that show a payment to Dr. Fuentes in 2004 in the amount of €25,003.20.“) Sicher ist die Kooperation ab Frühjahr 2005:

„The evidence presented by the UCI shows that Ullrich’s intensive involvement with Dr. Fuentes’ doping program goes back to at least 2004, and likely substantially earlier. Although the date at which Ullrich’s doping cannot be determined, there is clear evidence Ullrich was fully engaged with Dr. Fuentes’ doping program by the spring of 2005.“ …

Ullrich is alleged to have provided blood on May 25, 2005; June 8, 2005; December 22, 2005; February 21, 2005; May 1, 2006; and June 20, 2006.

Im August 2013 gibt die USADA bekannt, dass Andreas Klier gestanden hat von 1999-2006 mit EPO, HGH, Cortison und Bluttransfusionen gedopt zu haben (USADA, 15.8.2013).

Jan Ullrich werden mit dem Urteil alle Ergebnisse ab 1. Mai 2005 aberkannt. (CAS-Urteil, 9.2.2012)

Rudy Pevenage gibt kein Jahr an, ab dem er den Kontakt zu Fuentes hergestellt hatte. (S.a. der Spiegel, 19.10.2009)

Im Juni 2013 gibt Ullrich gegenüber dem Magazin Focus zu, Fuentes Dienste in Anspruch genommen und mit Eigenblutdoping, aber nur mit damit, gedopt zu haben (focus, 22.6.2013).

Erik Zabel meinte 2013:

„Ich habe 2004 und 2005 noch dieses Finalfläschchen genommen, wovon ich aber, wie schon besprochen, nicht sagen kann, ob es sich um Doping handelte. Dann bin ich ja weg von Telekom. Und dann war ganz Schluss. Mit den anderen Mitteln habe ich 2003 aufgehört, weil es im Ausland immer mehr Hausdurchsuchungen gab. Ich wollte das Zeug jetzt einfach nicht mehr. Das war mir ab 2003 einfach zu gefährlich.“

Die ärztliche Betreuung des Teams lag nach dem Sponsoren- und damit Namenswechsel weiterhin vor allem in den Händen der beiden Freiburger Ärzte Andreas Schmid und Lothar Heinrich.

Es gilt wie die Jahre zuvor auch für 2005, was im Abschlussbericht der Expertenkommission zur Freiburger Sportmedizin festgehalten wurde. Über die Freiburger Staatsanwaltschaft, die Ermittlungen aufgenommen hatte, waren den Kommissionsmitgliedern Aussagen von Sportlern zur Verfügung gestellt worden, die nach Meinung der Expertenkommission belegten, dass das teaminterne Dopingsystem bei Team Telekom/Team T-Mobile auch nach 2000 bzw. 2002 weiter bestand und ständig verfeinert worden war.

Danach haben beide Ärzte auch 2005 EPO, Cortisonpräparate und Wachstumshormone verabreicht, die den beiden mindestens von 2004 bis 2006 einen ’nicht unerheblichen‘ finanziellen Profit einbrachte. Ab 2004 sorgten die Ärzte dafür, dass Fahrer des Teams die ab 2004 erforderliche Ausnahmegenehmigung für Cortisonpräparate erhielten.

„Dafür, dass es aber auch in den Jahren 2001 bis 2005 zur Durchführung von Doping gekommen ist, sprachen die persönliche Vergütung der Ärzte durch die Rennställe, wie sie im Zwischenbericht vom 17. März 2008 aufgelistet sind, und die vom Universitätsklinikum Anfang Dezember 2007 aufgedeckten Manipulationen im elektronischen Personen-Identifizierungs-system im Jahr 2005 durch Anlage von fiktiven Patienten. Darunter finden sich Namen wie „Maier, Ulrich, geboren am 02.12.1937“ und „Mayer, Alexander, geboren am 02.07.1943“. Auch die Geständnisse des Fahrers Patrik Sinkewitz über die Durchführung des Eigenblutdopings durch die Ärzte Professor Schmid und Dr. Heinrich im Jahr 2006 sind ein Indiz dafür, dass das systematische Dopen des Teams Telekom und des Nachfolgeteams T-Mobile intensiviert wurde.“ (S. 18/19)

Und es gilt, was die Staatsanwaltschaft Freiburg in ihrer Einstellungsverfügung betreff der Ärzte Schmid und Heinrich schreibt:

„Konkret bestanden bei Einleitung der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen zureichende tatsächliche Anhaltspunkte für den Anfangsverdacht, dass beide Beschuldigte die Radrennfahrer Jan Ullrich und Steffen Wesemann in den Jahren 2002 bis 2006, Rolf Aldag und Erik Zabel in den Jahren 2002 bis 2005 sowie Udo Bölts und Jens Heppner im Jahr 2002 mit jeweils einer EPO-Kur pro Jahr versorgt haben. Im Zuge der Ermittlungen hat sich darüber hinaus der -bestätigte- Verdacht ergeben, dass der Beschuldigte Prof. Schmid im Zeitraum Frühjahr 2003 bis Herbst 2005 an 5 nicht näher feststellbaren Tagen dem damals beim Team T-Mobile als Berufsradsportier tätigen Christian Werner jeweils eine Packung EPO mit je 6 Ampullen a 1000 IE im Wissen überlassen hat, dass Werner sich das EPO zur Leistungssteigerung selbst intravenös mit Einwegspritzen injizieren würde.“ (Staatsanwaltschaft Freiburg, Verfügung betreff Ärzte Schmid, Heinrich)

In der Einstellungsverfügung der Freiburger Staatsanwalt betreff Olaf Ludwig, Mario Kummer und Rudy Pevenage steht, dass es einen begründeten Verdacht gäbe dafür, dass Olaf Ludwig von den Dopingaktivitäten wusste, auch wenn er dies bestritten habe:

„Olaf Ludwig hat in seiner Vernehmung angegeben, von Dopingaktivitäten der Radsportier des Teams keine Kenntnis gehabt zu haben. Dem steht unter anderem die Aussage des Zeugen Rolf Aldag entgegen, der die Vermutung geäußert hat, dass auch die Beschuldigten Ludwig und Kummer über Dopingpraktiken grundsätzlich Bescheid gewusst haben. Patrick Sinkewitz hat ausgesagt, dass er bei den Vertragsgesprächen mit Olaf Ludwig vor der Tour de France 2005 nicht über Doping gesprochen habe: „Ohne dass wir über das Thema Doping gesprochen haben, bin ich davon ausgegangen, dass dieses Thema im Gespräch mitschwingt“. Dieses Muster einer stillschweigenden Duldung von Dopingmaßnahmen in einem vertraglich abgesicherten System angeblicher Dopingfreiheit und Gutgläubigkeit zieht sich durch die gesamten Ermittlungen. Hinzu kommt, dass nur wenige im System des Profiradsports Beteiligte bereit gewesen sind, zu nicht verjährten Dopingvergehen Angaben zu machen.“

Zudem wurden dokumentierte Medikamentenlieferungen zum Zwecke des Dopings in den Jahren 2005 und 2006 von der Firma Ludwigs OlC bezahlt. (Staatsanwaltschaft Freiburg, Verfügung betreff Ludwig, Kummer, Pevenage)

Im Abschlussbericht der Freiburger Untersuchungskommission 2009 ist über das Gespräch Sinkewitz mit Heinrich festgehalten:

„Der Radprofi bestätigte am 30. November 2007 bei seiner Anhörung durch den Vorsitzenden der Kommission, dass es 2006 zu Blutabnahmen und Reinfusionen gekommen ist. Der erste Kontakt zu Dr. Heinrich fand deswegen Ende Oktober/Anfang November 2005 in einem Hotel in München statt. Dr. Heinrich war zur Vornahme von Bluttransfusionen grundsätzlich bereit. Einzelheiten der Planung wurden im Januar 2006 während des Trainingslagers des Team T-Mobile auf Mallorca besprochen.“ (S. 29)

Der USADA-Bericht zu Lance Armstrong stellt Zeugenaussagen und Dokumente zur Verfügung. Ausführlich wird die Zusammenarbeit einiger Fahrer mit Dr. Micheles Ferrari dargestellt. So berichtet Levi Leipheimer, dass er 2005 u.a. Alexander Vinokourov mit den späteren T-Mobile Fahrern Rogers und Eddy Mazzoleni in einem Trainingscamp von Ferrari getroffen habe Leipheimer, Levi, Affidavit.pdf). 2007 gab Vino an, erst ab 2006 nach dem Weggang von T-Mobile mit Ferrari trainiert zu haben (für 2006 sind in den USADA-Dokumenten größere Zahlungen nachgewiesen.) (cn, 1.7.2007)

2023 ging Jan Ullrich an die Öffentlichkeit und gesteht ab 1996 mit EPO und Bluttransfusionen gedopt zu haben:
FAZ: Radeln und reden als Therapie : Entkommt Jan Ullrich seinen Dämonen?, 2.12.2023

Meldungen und Diskussionen 2005

SZ, 4.6.2005:

Madrid – Operation Mammut war der passende Titel für den vielleicht größten Dopingfund, den es in Europa je gab. Bei Razzien in mehreren Städten auf spanischem Festland, Kanarischen Inseln und Balearen stellte die Polizei zur Wochenmitte zehn Tonnen illegaler Präparate in 30 Millionen Dosen sicher, darunter Anabolika, Steroide und künstliche Hormone. Dazu wurden 70 Personen festgenommen. Der großflächig vernetzte Ring vertrieb die verbotenen Substanzen in Sportkliniken, Fitnessstudios, Läden und im Internet, auch im Ausland. Bei 56 Hausdurchsuchungen entdeckte das Sonderkommando geheime Labors in Kellern, Küchen und Garagen, vor allem im Industriegürtel um Barcelona.

Die Spanische Guardia Civil und die Ermittlungsbehörde Nr. 31 in Madrid eröffneten 2004 ihre „Operation Puerto”-Untersuchungen.

Im Vergleich zum Jahr 2004 wurde es 2005 allgemein etwas ruhiger um den Komplex Doping. Die großen Skandale blieben aus, doch ältere reichten in das neue Jahr hinein. Der Fußball blieb nicht verschont und hatte sich u.a. mit gedopten Mexikanern auseinanderzusetzen sowie der WADA. In Deutschland war das Thema DDR-Doping nicht vergessen, z. B. wurde der Schadensausgleich für DDR-Dopingopfer und die Streichung von mit Doping erreichten Rekorden diskutiert, allerdings blieb hierzu die mediale Resonanz bescheiden und Trainer Thomas Springstein wird angeklagt,

Der Radsport hatte seine Affairen um Johan Museeuw, Dario Frigo, Roberto Heras, Danilo Hondo und nicht zuletzt Lance Armstrong, dessen Überlegenheit immer wieder Fragen aufwarf und der sich 2005 nach Recherchen der L’Équipe positiven EPO-Doping aus dem Jahr 1999 gegenüber sah und zudem von Mike Anderson beschuldigt wurde, Dopingmittel besessen zu haben (der Spiegel, 4.7.2005, die Zeit, 1.9.2005, der Spiegel, 22.12.2005)

Nur wenig Aufmerksamkeit erregte Prentice Steffen, ehemaliger Arzt beim US Postal Team, der in einem Interview mit der L’Équipe darüber sprach, wie einige Teams mittels Eigenblutdoping und EPO während der Tour arbeiteten.

Ein kurzes Erschrecken rief unter Radsportfans, -verantwortlichen und Beobachtern der Tod des Radprofis Alessio Galletti hervor. Galletti starb am 15. Juni 2005 auf einer Bergetappe des Grand Prix Naranco in Spanien. Galletti war in die Affaire ‚Oil for Drug‘, die 2004 eskalierte, eingebunden. Die Untersuchungen erbrachten jedoch offiziell keinen Zusammenhang zwischen Doping und seinem Tod.

Pat McQuaid löste beim Radsportweltverband UCI Präsident Hein Verbruggen ab (Berliner Zeitung, 6.9.2005) und der Bund deutscher Radfahrer (BDR) wählte sich Rudolf Scharping zum neuen Präsidenten (der Spiegel, 14.5.2005). Der Deutsche Sportbund DSB ließ sich einen Entwurf „Gesetz zum Schutz des Sports“ erarbeiten (FAZ, 25.5.2005) und fachte damit die Diskission um ein deutsches Antidoping-Gesetz wieder einmal an.

Christian Frommert, seit 2005 Leiter der Sponsoring-Kommunikation T-Mobile International, hat sein Verhältnis zum Team 2008 wie folgt beschrieben:

„Ich war der Mann vom Sponsor, man hat mir nicht vertraut. … ich wurde ganz klar ferngehalten“. Als er dann angefangen habe zu fragen, wie es komme, dass überall gedopt werde, nur offenbar nicht beim Team T-Mobile, habe er generell die Antwort bekommen: „Garant für sauberen Sport sei die Universität Freiburg“. Bei anderen Teams seien da wirklich Wald- und Wiesenärzte in irgendwelchen kleinen Wohncampingmobilen gewesen „und bei Telekom war die Universität Freiburg”. Hinsichtlich der professionellen Bedingungen ging er auch auf den Teambus ein: “Es war ein Bus, von dem Sie sagen: „Wow, schon irre“. Er sei immer sehr skeptisch gewesen, weil ein Außenstehender den Bus nie habe betreten dürfen. Das habe so irre Züge angenommen, dass René Obermann (damals Vorstandschef der T-Mobile International AG) bei einem Besuch des Teams während der Tour de France den Teambus nicht habe betreten dürfen, der Busfahrer habe ihm den Zutritt hartnäckig verwehrt.“ (Zitat aus dem Kommissions-Abschlussbericht 2009)

Das Team setzte nach Aussagen von Walter Godefroot im Jahr 2005 vor allem auf Jan Ullrich, bzw. auf dessen Toursieg. „im Grunde haben wir vom Talent her nur einen Spitzenfahrer, und das ist Jan“ (der Spiegel, 11.1.2005). Jan Ullrichs Glanz erhielt zwar während der Tour der France durchaus Kratzer, da sich schnell realistische Erwartungen auf einen Sieg verflüchtigt hatten (der Spiegel, 11.7.2005), doch letztlich konnte er mit seinem dritten Rang bei der Armstrongs-Abschieds-Tour 2005 hinter Armstrong und Basso medial und bei den meisten Fans weiterhin bestehen.

Ullrichs Hochs und Tiefs, privat und sportlich, machten ihn vielen Fans sympathisch ließen kritische Stimmen rar werden (der Spiegel, 25.7.2005, die Zeit, 18.8.2005). Rainer Seele, FAZ, stellte ihm allerdings Fragen nach Cecchini und der Sauberkeit des Radsports:

Warum suchen Sie auch noch den Rat des italienischen Trainingsanalytikers Luigi Cecchini? Was vermittelt er Ihnen?
Ich arbeite jetzt ja nicht so eng mit ihm zusammen. Er hat ein eigenes Trainingssystem, mit Einheiten, die intensiver sind, nicht nur das lange, eintönige Training. Das habe ich mit meinem Programm, das aus sehr vielen ruhigen Kilometern bestand, immer wieder lang, lang lang, kombiniert. Ich bin damit seit 2003 ganz gut unterwegs. Es ist abwechslungsreicher, es macht einfach Spaß, man kommt ganz anders in die Wettkämpfe. Wenn beispielsweise schlechtes Wetter ist, muß ich keine sechs Stunden fahren, sondern kann das gleiche in vier Stunden absolvieren. …

Im Vorjahr hat es aufs neue viele Dopingfälle im Radsport gegeben, unter ihnen mit Tyler Hamilton ein Olympiasieger. In diesem Jahr wurde mit Danilo Hondo ein namhafter deutscher Profi überführt. Haben Sie im Schlußbogen ihrer Karriere die Hoffnung aufgegeben, daß die Branche tatsächlich ein Stück sauberer werden könnte?
Ich bin jedesmal sehr traurig, wenn ein neuer Fall bekannt wird. Ich sage aber auch, daß das extrem scharfe Kontrollsystem bei uns so lückenlos ist, daß alle reintappen, die versuchen, ihre Leistung durch Doping zu steigern. Es sind im Verhältnis zu den ganzen Kontrollen immer noch sehr wenige. Ich sehe, daß das Kontrollsystem wirkt. Man darf sich auch nicht kaputtmachen. Man darf nicht sagen, derjenige, der gerade neben mir fährt, hat bestimmt irgend was gemacht, weil der so gut drauf ist. Dann kann man gleich selbst aufhören. Dann geht man kaputt im Kopf.“ (FAZ, 17.6.2005)

Rolf Aldag konnte im Spiegel-Interview erklären, warum Radprofis dopen:

Frage: Können Sie eigentlich erklären, warum immer wieder Radprofis dopen?
Aldag: Ich kann für mich sagen, dass das nicht meine Idee vom Radsport ist. Ich will mich schließlich nicht umbringen. Der Körper ist nun mal limitiert und das macht meiner Ansicht nach auch Sinn. Ich mache den Sport lieber zwölf Jahre gut, als zwei Jahre super und dann kommt der Leberschaden oder sonst was. Die Versuchung ist vielleicht bei denjenigen Fahrern größer, die auf der Kippe sind. Wenn man da ein bisschen nachhilft, sind sie vielleicht ganz oben. Zumal du als ganz Großer im Radsport richtig viel mehr verdienst. Die scheinen sich zu sagen: Ich fahre jetzt zwei Jahre mit der Angst, erwischt zu werden und habe dann ausgesorgt.“ (der Spiegel, 1.7.2005)

SZ, 5.8.2005:
Im Geschäft zählt zuerst das Fernsehen – erst dann kommt die Presse. Sender kaufen die Rechte an Sportereignissen, über die sie dann – meist in Form von Inszenierungen – berichten. Sie jazzen die Veranstaltungen hoch, über die ihre Sportjournalisten dann berichten. Man redet das eigene Produkt nicht kaputt. Fast eine Selbstverständlichkeit ist es, dass Protagonisten wie Wolf-Dieter Poschmann (ZDF) schon mal als Stadionsprecher aktiv waren. ARD-Sportchef Hagen Boßdorf schrieb mit an der Biografie des Telekom-Radstars Jan Ullrich und moderierte in der VIP-Lounge des Münchner Olympia- Stadions vor Gästen des Telekom-Konzerns, bis die Konstellation öffentlich und untragbar wurde.

Das Thema Doping und Dopingverdacht war zwar fester Bestandteil einiger aber weniger deutscher Sportredaktionen geworden, hier wurden Zweifel geäußert über Aufklärungspotential und Aufklärungswillen – beispielhaft sei hier eine Serie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung FAZ erwähnt: FAZ.NET-Spezial, Doping-Szene Deutschland – doch im Allgemeinen wurde das kritische Hinterfragen versäumt.

Der Radsport stand längst unter Generalverdacht, doch mit dem Team T-Mobile wurde weiterhin meist recht sanft umgegangen. Ralf Meutgens gehörte 2005 zu den wenigen, die hinterfrugen bzw. die die zu Zweifeln Anlass gebende Geschichte des Teams auflisteten.

„Kritiker fragen sich schon lange, wie es bei dieser Ausgangslage möglich ist, daß das „Team Telekom“ seine betreuenden Mediziner aus der Sportmedizinischen Abteilung der Universitätsklinik Freiburg rekrutieren kann. Als aktive Dopingbekämpfer können sich Mediziner im Rad-Umfeld wohl kaum profilieren. Und so zeigen sich immer wieder merkwürdige Zusammenhänge: Dr. Lothar Heinrich etwa erklärte den Besitz von Koffein und Cortison, die bei der Razzia anläßlich des Giro d’Italia 2001 bei ihm gefunden worden waren, mit Eigengebrauch beziehungsweise mit einem Attest für Ullrich. Für ihn war damals ein Asthmaspray bestimmt gewesen, dessen Wirkstoff auf der Dopingliste steht. Team-Pressesprecher Olaf Ludwig hielt entgegen, daß über Ullrichs Pinienpollen-Allergie doch schon vor Jahren in der Presse zu lesen gewesen war.

Ullrich ist eben einmalig: Nach Auskunft von Fachleuten ist in der Literatur kein weiterer Fall einer allergischen Reaktion auf Pinienpollen bekannt. Nach Angabe von Heinrich litt im Jahr 2001 etwa ein Drittel seiner Radprofis an Asthma und durfte so Medikamente nehmen, die auf der Dopingliste stehen. Mehrere von ihnen wiesen überhöhte Hämatokritwerte auf, für die sie ein besonderes Attest vorlegen konnten. Genauere Angaben darüber machen die Telekom-Ärzte unter Berufung auf die Schweigepflicht nicht.“ …

„Es wurden eine Anti-Doping-Hotline eingerichtet und auch Geld für den indirekten Nachweis von Epo genutzt. Diese Forschung wurde hauptsächlich von den medizinischen Team-Telekom-Partnern von der Universitätsklinik Freiburg ausgeführt. Der indirekte Epo-Nachweis ist noch immer nicht gerichtsfest. Andererseits ist davon auszugehen, daß alle Seiten in jenen Jahren bestens über den Stand der Forschung informiert waren. Auf Fragen nach konkreten Ergebnissen, die naturgemäß sowohl Dopingfahndern als auch Dopern nützlich sein können, reagieren die Beteiligten mit auffälliger Zurückhaltung. Fragen zu diesen Forschungen, den Ergebnissen und der Anti-Doping-Arbeit beantwortete Berg jüngst mit der lakonischen Feststellung, daß „die gestellten Fragen sicherlich interessant“ seien, „wahrscheinlich auch die Antworten“. Weiter schreibt er, „ich bin weder autorisiert noch in irgendeiner Weise verpflichtet, ihnen Auskunft zu geben“.(FAZ, 12.4.2012)

Der schonende Umgang mit dem Team T-Mobile im Jahr 2005 mag auch mit Unwillen in Redaktionen das Thema aufzugreifen, zusammen gehängt haben. Kritische Journalisten hatten dies auf einem zweitägigen Journalisten-Workshop der NADA zum Thema Doping festgehalten.

„So erwacht das allgemeine Interesse nur, wenn ein Sportstar erwischt wird – oder, wie im Fall Lance Armstrong, unter massiven Verdacht gerät -, um alsbald wieder zu entschlummern. Ein „sehr oberflächliches Wissen“ über Doping konstatierte Josef Hackforth beim zweitägigen Journalisten-Workshop der Nationalen Antidoping-Agentur (Nada) vorige Woche in Köln. Der Inhaber des Lehrstuhls für Sport, Medien und Kommunikation der TU München nahm die Zunft der Sportjournalisten dabei ausdrücklich nicht aus. Der Kampf für sauberen Sport hat, bei allem wissenschaftlich-technischen Fortschritt im Detail, ein Erklärungs- und Vermittlungsproblem. Im Fernsehen erweist sich die Berichterstattung über Dopingpraktiken als zuverlässiger Quotenkiller. Von einem „klaren Abschaltverhalten“ sprach ZDF-Mann Wolf-Dieter Poschmann beim Kölner Symposium. Wird das komplexe Thema beleuchtet, zappt ein Teil der Zuschauer zuverlässig weiter. Angst vor Helden-Entmystifizierung? Null Bock auf Aufklärung? ARD-Sportreporter Hans Joachim Seppelt berichtete von einer sinkenden Bereitschaft der Redaktionen, der Doping-Problematik überhaupt noch in differenzierter Form näher zu treten: „Es gibt inzwischen sehr häufig den Versuch, das auszusparen.“ Auch eine „große Koalition der Heuchler“ (Hörfunk-Journalist Herbert Fischer-Solms vom Deutschlandfunk) und die vielfach mangelnde Bereitschaft, „die Fälle auszurecherchieren“ (Print-Journalist Christoph Fischer vom Reutlinger General-Anzeiger) stehen einer adäquaten Aufklärung der breiten Öffentlichkeit im Weg.“ (FR, 10.10.2005)

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