Doping-DDR: Brigitte Michel, Kugel/Diskus

DDR-Dopingopfer

Brigitte Michel, geb. Sander

Brigitte Michel, geb. Sander, wurde 1956 in Friedrichshain geboren. 1970 kam sie an die ‚Kinder- und Jugensportschule Ernst Grube‘. Größe und Stärke qualifizierten das Mädchen zur Werferin, sie spezialisierte sich auf das Kugelstoßen und das Diskuswerfen, 1972 siegte sie auf der Kinder- und Jugend-Spartakiade. Daraufhin kam sie beim TSC Berlin in die Männertrainingsgruppe von Peter Börner, wurde Kader-Sportlerin und Mitglied der B-Nationalmannschaft. Ab sofort erhöhte sich das Trainingspensum, die Ernährung wurde umgestellt und die medizinische Betreuung ausgebaut. Ziel waren die Olympischen Spiele 1976 in Montreal.

„Als ich siebzehn war, kam mein Trainer zu mir: ‚Wir müssen jetzt an die Spitze ran. Das bedeutet ein paar Umstellungen, auch bißchen was Neues.‘ Vor ihm lag ein Plan, manchmal sah er auf und sprach von Olympia, von 67 Metern. ‚Mehr Gewicht, mehr Schnellkraft‘, präzisierte er. ‚Um das zu erleichtern, gibt es unterstützende Mittel. Vor allem das Krafttraining fällt damit nicht so schwer.‘ Er gab mir blaue Tabletten in Silberfolie, ohne Verpackung, ohne Aufdruck. Ich weiß, daß ich nachfragte und seine Antworten mir plausibel vorkamen. Es gab keinen Grund, ihm zu mißtrauen.“

Extreme

Brigitte erreichte bessere Trainingsleistungen, wurde jedoch als jüngste nicht mit zu den Olympischen Spielen genommen. Sie wechselte in Helga Börners Trainingsgruppe, Peter Börners Ehefrau, die die Trainingsumfänge der jungen Athletin, insbesondere im Kraftraum, drastisch erhöhte. IM ‚Paul‘, Peter Börner, berichtete im November 1979, dass Brigitte krank sei, vermutlich einen Nierenschaden habe, der im schlimmsten Fall lebensgefährlich werden könnte. Abgesetzt wurden danach jedoch nicht die anabolen Steroide sondern normale Heilmittel. Brigitte und ihre Eltern erfuhren niemals während der folgenden aktiven Zeit etwas von dieser Diagnose. Die U.M. wurden weiterhin verabreicht.

1978 heiratete sie den Hammerwerfer Bernd Michel.

Bis zu den Olympischen Spielen 1980 in Moskau, für deren Teilnahme sie vorgesehen war, trainierte sie unter extremen Belastungen, die nur möglich waren aufgrund ebenfalls extremer Medikamenten-Dosen.

IM ‚Paul‘ berichtete im April 1980 über seine Frau Helga, die sich nur noch um ihre beiden aussichtsreichsten Athletinnen, eine war Brigitte Michel, kümmerte:

„Sie verlangt beiden ‚alles‘ ab und fordert ohne Rücksicht von ihnen ungefähr die Tagesleistung an Kraft, die von den O-Kadern im männlichen Bereich durch ihren Mann in einer Woche abgefordert wird. Sie geht davon aus, dass Frauen höher belastbar sind. Trotzdem wird inoffiziell erklärt, dass die zwei Kader nach Olympischen Spielen ‚fertig‘ sind.“ (Spitzer, Sicherungsvorgang Sport, S. 160)

IM ‚Kurt‘ berichtete am 9.7.1980 wie folgt: „Ich behaupte, durch meine langjährigen Erfahrungen mit diesen Problemen vertraut, daß eine Vielzahl erreichter Leistungen besonders im weiblichen Wurfbereich, auf eine überdurchschnittliche Verabreichung zurückzuführen sind, die in jedem Fall einen rasanten Leistungsanstieg garantieren und danach die Stagnation der Leistung provozieren. Die Leistungsentwicklungen von …. usw., sind ein deutliches Beispiel, wobei die gesundheitlichen Probleme von … dies in jedem Fall unterstreichen. Somit wurde die Quantität der UM vor die Qualität des Trainings gestellt und der Problemkreis hat sich geschlossen.“ (Spitzer, Sicherungsvorgang, S. 551f)

Giselher Spitzer:
„Die vernichteten Akten sind rekonstruiert worden und das ist ein Glücksfall. Es hat vielen Geschädigten geholfen, gerade auch in diesem vermeintlich als zivil oder nicht so aggressiv geltenden TSC Berlin. Dort hat die Staatssicherheit experimentiert, wie man durch eine Extremdosierung von Dopingmitteln Sportler zu einer Leistung treiben kann. Und zwar alles ohne deren Wissen.“
(dradio, 2.1.2010)

1977 flüchtete DDR-Leichtathletin Renate Neufeld, Sportlerin beim TSC Berlin, nach Österreich. Sie berichtete ausführlich über ihre Erfahrungen und hatte Tabletten mitgebracht.
>>> der Spiegel, 19.3.1979: DDR: Schluck Pillen oder kehr Fabriken aus

Verantwortliche Ärztin im TSC Berlin war Dr. Karin Kögler, sie stand im Einvernehmen mit Helga Börner und ermöglichte erst die wesentlich überhöhten Anabolikagaben (fünffach überhöht gegenüber dem Plan bzw. den Vorgaben für Männer). Die dazu existierenden Akten wurden bereits zu DDR-Zeiten aufgrund ihrer Brisanz ‚gesperrt‘ und in Wendezeiten schnell vernichtet, konnten aber später wiederhergestellt werden.

Mit der heiß ersehnten Fahrt nach Moskau wurde es nichts. Andere systemkonformere Sportlerinnen wurden der parteilosen vorgezogen. Für das Ehepaar Michel nahm nun der Kinderwunsch feste Gestalt an. Die Auskunft eines konsultierten Gynäkologen (vom ASC Dynamo Berlin) alarmierte. Ihre Gebärmutter sei die einer Zwölfjährigen, wenn sie Kinder haben wolle, sei es bereits fünf nach Zwölf, mit dem Hochleistungssport müsse sie sofort aufhören. Um schwanger werden zu dürfen, benötigte sie allerdings als Kaderathletin die Erlaubnis der Clubverantwortlichen einschließlich des DTSB-Präsidenten Manfred Ewald. Eine demütigende Prozedur. 1981 gebar Brigitte Michel einen Sohn. Ursprünglich wollte sie nach der Geburt mit dem Sport weiter machen, doch das blieb ihr verwehrt. Intern wurde sie wegen Gesundheitsschäden durch U.M. entlassen, offiziell erhielt sie diese Auskunft nicht. 1985 schenkte sie einer Tochter das Leben.

Gesundheitliche Folgeschäden

>>> das Doping-Opfer-Hilfe-Gesetz – Diskussion, Texte

Bei Brigitte Michel stellten sich, teilweise schon während ihrer aktiven Sportzeit, gesundheitliche Probleme ein. In den Folgejahren entwickelten sich u.a. chronische Unterleibsbeschwerden, extreme Schäden der Wirbelsäule und schwerer Verschleiß der Hüftgelenke und Kniee. Sie wurde mehrfach operiert, weitere Eingriffe, auch Protesen sind notwendig. Sie leidet im ganzen Körper unter starken Schmerzen.

Brigitte Michel wurde als Dopingopfer anerkannt.

Auch ihr Mann Bernd Michel, Hammerwerfer, wurde durch die Doping-Medikamente geschädigt. 1969, ein Jahr vor seiner Aufnahme in die Kinder- und Jugendsportschule mit 14 Jahren, lag er wegen einer infektiösen Gelbsucht hundert Tage im Krankenhaus, die Leber war damit vorgeschädigt. Das war den Verantwortlichen bekannt, trotzdem wurden ihm ab 16 Jahren die U.M. verabreicht. Heute ist er schwerbehindert (Autoimmunkomplex). Brigitte Michel:

„Wer Hilfe braucht, der kriegt sie und wer Trost braucht, der kriegt den auch und ich glaube, wir ergänzen uns da ganz gut. … Dass eben [bei Bernd] das Gefühl im rechten Bein völlig weg ist. Wo er mich jahrelang beim Spazierengehen vor jedem Stein, vor jeder Kute weggezogen hat, dass muss er jetzt lernen, weil, bei ihm sind’s beide Beine, beide Unterschenkel, [in denen] er völlig das Gefühl verloren hat. Klar, wenn draußen der Rasenmäher aufjault, da denke ich, okay, du musst jetzt gucken, jetzt liegt er unterm Rasenmäher, denn er kann nicht mehr rückwärts gehen, er kann sich nicht mehr auf engstem Raum bewegen. Er hat ja kein Gefühl vom Knie abwärts.“

Doch Jammern gilt nicht, gemeinsam schaffen sie es, anderen geht es schlechter.

Brigitte Michels Bruder Peter Sander, ebenfalls Kaderathlet gewesen, leidet an Krebs.

offene Auseinandersetzung

Brigitte Michel geht offensiv mit ihren gesundheitlichen Dopingfolgen um und versteckte sich nie. Nachdem sie durch Recherchen und die wiedergefundenen Akten sicher sein konnte, zu den mutwillig geschädigten Dopingopfern zu gehören, trat sie im Jahr 2000 als eine von 22 Nebenklägerinnen im Prozess gegen Manfred Ewald und Manfred Höppner auf.

Sie mischte sich auch ein in die Diskussion um das Doping-Opfer-Hilfe-Gesetz und trat als Sachverständige in der Anhörung vor dem Sportausschuss des BMI auf s.u..

Brigitte und Bernd Michel gehörten zu der Gruppe von Dopingopfern, die sich anlässlich der jüngsten Diskussion um Wiedereinstellung dopingbelasteter Trainer engagierten. Diese Frage war 2008 um Trainer Werner Goldmann heftig öffentlich entbrannt:

siehe >>> der Fall Werner Goldmann und die Folgen

Auszug aus der Öffentlichen Anhörung Sportausschuss 17.10.2001

Am 17. Oktober 2001 kam es vor dem Sportausschus des deutschen Bundestages zu einer Diskussionen im Sportausschuss des BMI über die Errichtung eines Fonds zur Unterstützung der DDR-Doping-Opfer. Birgit Michel war als Sachverständige geladen:

>>> Öffentliche Anhörung zum Antrag der Fraktion der CDU/CSU ‚Errichtung eines Fonds zur Unterstützung der Doping-Opfer der DDR‘

Brigitte Michel (S. 10f):

„Ich möchte festhalten, dass ich stellvertretend für viele Doping-Opfer spreche. Wir, die Opfer des ehemaligen Sportsystems der DDR, die für Siege in internationalen und nationalen Wettkämpfen bereit waren, viele Entbehrungen und Schmerzen auf uns zu nehmen, waren jedoch niemals bereit, unsere Gesundheit oder sogar unser Leben zu riskieren. Diese Bürde wurde uns von unseren Trainern, Medizinern und Funktionären aufgeladen.  …

Ich hoffe, dass heute die Möglichkeit einer sachlichen Diskussion besteht. Grundlage dieser sachlichen Diskussion könnte die Akzeptanz der Gerichtsurteile und Gutachten sein. Da die Aufarbeitung durch die Justiz aufgrund der drohenden Verjährung nur sehr lückenhaft erfolgte, konnte der Dopingmissbrauch bei Hunderten von Sportlern durch die Trainer, Ärzte und Funktionäre richterlich nicht gewürdigt werden. Somit können nicht allein die wenigen Urteile das Maß der Bewertung sein. Erst die Gesamtheit der Anklageschriften, der Urteile und der Akten des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR sowie die Gutachten und Studien spiegeln das Ausmaß der Schäden wider. Gerade in meinem persönlichen Fall zeigte es sich, dass nicht alle Akten zum Ewald/Höppner-Prozess zur Verfügung standen. Leider wurden erst nach der Urteilsverkündung weitere Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit beim Ministerrat der DDR zu meiner Person recherchiert. Diese Unterlagen beweisen mit welcher Menschenverachtung das Dopingsystem der ehemaligen DDR funktionierte. Aus ihnen geht hervor, dass bereits 1971 ? ich war 15 Jahre alt und warf den Diskus gerade einmal 53 m ? durch meinen Trainer Herbert Hohmann die zu erzielenden Weiten für die nächsten neun Jahre festgelegt wurden. So sollte ich 1980 bei den Olympischen Spielen im Diskuswurf mit einer Weite von 70 m den Platz 1, 2 oder 3 belegen.

Die Rechnung ging auf. Die Weiten wurden von mir erzielt. Doch wie allgemeinsportwissenschaftliche Erkenntnisse belegen, wäre solche eine Weitensteigerung ohne Extremdoping nicht zu realisieren gewesen. Mit diesem Plan wurden bewusst starke gesundheitliche Schäden von Trainern und Ärzten an meiner Person gebilligt. Zitat IM ?Paul? (Peter Börner, mein ehemaliger Trainer und Ehemann meiner damaligen Trainerin) berichtete am 29. November 1979: ?Seit drei Wochen aufgrund eines Urinbefundes krank. Die Ärzte vermuten einen Nierenschaden, der im ungünstigsten Fall lebensgefährliche Auswirkungen für die M. haben kann. Als Reaktion habe der Sportclub lediglich für das Absetzen eines Grippemedikamentes gesorgt.? Über den für mich durchaus ernsten gesundheitlichen Zustand wurden weder meine Eltern noch ich informiert. Mit dem Ausscheiden aus dem Leistungssport geschah etwas sehr Seltenes: Die Verfügung zur Archivierung des MfS vom 26. Oktober 1981 hielt fest, dass die Akte als gesperrt abzulegen sei.  …

Leider haben wir auch schon in den Reihen der Werfer unserer Generation der ehemaligen der DDR einige Todesfälle aufgrund von Erkrankungen zu beklagen, welche durchaus in Zusammenhang mit der Dopingmittelvergabe stehen könnten. Oft bleiben die Familien unversorgt zurück, da aufgrund der Erkrankung eine zusätzliche Altersversorgung kaum möglich ist.

Es ist immer wieder gefragt worden, warum wir Entschädigung für das erlittene Unrecht verlangen. Es geht bei den Entschädigungen nicht darum, ein Leben in Luxus zu finanzieren, sondern darum, die lebens- und gesundheitlich notwendigen Kosten abzudecken. So sehr wir uns über die heutige Anhörung freuen, da wir in ihr einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Wiedergutmachung sehen, so mehr verletzen uns Äußerungen, wie sie Herr Prof. Digel am 23. Juli in Köln während einer Veranstaltung zum Doping gemacht hat. Dort erklärte er die heutigen Sportfunktionäre für nicht zuständig, bei der Aufklärung unserer Problematik mitzuwirken. Das erstaunt uns um so mehr, da sich viele der Täter sehr wohl in den Reihen des Sportes befinden. Außerdem ist es schon sehr eigenartig, dass sich mit unseren Erfolgen auch heute noch sehr gern geschmückt wird. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und hoffe, dass Sie den Weg für eine gerechte Entschädigung der Opfer bereiten werden.“

Brigitte Michel (S. 34f):

„Ich war immer schon sehr groß gewachsen und immer schon ein bisschen kräftig und fühlte mich dann beim Leistungssport eigentlich sehr wohl und gut aufgehoben, weil ich dort mit den Leuten zu tun hatte, denen es ähnlich ging. Ich bin gleich von Anfang an in eine Trainingsgruppe gekommen, in der nur Männer trainierten. Ich war also jahrelang die einzige Frau in dieser Trainingsgruppe. Demzufolge ist mir gar nicht so aufgefallen, dass ich mich von anderen Frauen so unterschied. Meine Kraftleistungen lagen fast bei denen, die die Männer erbrachten. Wir haben als Werfer klassisches Gewichtheben gemacht. Um nur einige Beispiele zu bringen: Ich habe 180 kg Bankdrücken gemacht und 200 kg Tiefkniebeuge. Ich denke, wenn man 60 Tonnen am Tag Krafttraining macht, dann fällt einem nicht auf, dass man sich verändert bzw. dass die Veränderung auf Medikamente zurückzuführen ist.

Es handelte sich um Sachen, die wir jahrelang kannten, die auch unsere Eltern im Reformhaus gekauft haben, um uns fit zu halten und uns mit Vitaminen über den Winter zu bringen. Denn bei uns gab es nicht so zahlreich Apfelsinen und sonstiges Obst. Wir mussten dann aber erkennen, dass andere Medikamente dazukamen. Hinzukam eine Sache, die mir dann auch erst später klar wurde: Es gab nämlich bei uns im Reformhaus ein Erfrischungsgetränk, das man kaufen konnte und was sicherlich nicht gefährlich war. Diese dienten der Erfrischung. Diese Tüten hat man extra produziert und – wie aus Unterlagen hervorging ? dort teilweise die Anabolika untergemischt. Weiter kann ich nur berichten, dass man zu Hochsommerzeiten an Tröpfe gehängt wurde. Dabei wurde einem erklärt, man hätte einen hohen Verlust an Mineralien wegen des sehr hohen Trainingsumfangs gehabt. Ich denke, man hat den Leuten so vertraut, dass man tatsächlich dachte, man bekommt damit Glukose.

Zur Frage, wie es sich innerhalb der Trainingsgruppe abspielte, wie sich der Austausch gestaltete, kan ich sagen, dass es keinen Austausch gab. Ich habe mein ganzes Abitur in Einzelunterricht absolviert. Ich war ein Olympiakader, der nahezu auf Watte gebettet wurde und demzufolge auch alleinige Trainingsstunden hatte und somit nicht in den Kontakt mit anderen Mitsportlern kam. Die jüngeren Sportler durften erst dann in die Halle, wenn die Olympiakader trainiert hatten. …“