1971 Theodor Hettinger: Krafttraining und Anabolika

Doping in der BRD 1970er Jahre

Prof. Dr. Theodor Hettinger: Krafttraining – hier Anabolika

Der Missbrauch der Anabolika hatte in den 60er Jahren zugenommen und wird in den 1970er Jahren weitergehen, nicht selten auch im Einvernehmen mit Sportärzten. Die damit möglichen gesundheitlichen Schäden wurden von einigen gerne verniedlicht oder gar geleugnet. Es gab jedoch schon früh Hinweise auf schwere körperliche Veränderungen bzw. Folgen, die auf die Einnahme von Anabolika, insbesondere auch Testosteron zurückzuführen sind.

Prof. Dr. Theodor Hettinger, Arbeitsphysiologe, spricht in einem Vortrag ‚Krafttraining‘, gehalten auf dem Internationalen Kongress für Wissenschaftler und Trainer in Mainz vom 26. bis 28.11.1971, auch den Missbrauch im Sport von Anabolika an und warnt vor schweren gesundheitlichen Schäden. Interessant ist, dass er Forschungen anführt, die bis 15 Jahre zurück liegen. (>>> s.a. Hettinger 1964 in UNESCO-Seminar)

Zitate Hettinger:

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Hettinger: Mögliche Gesundheitsschäden nach Anabolikakonsum:

Bei Frauen: Hirsutismus (übermäßige Behaarung, besonders im Gesicht), irreversible Stimmveränderungen, Menstruationsstörungen, bei Gravidität Vermaskularisierung weiblicher Föten.

Bei Männern: Abnahme der Spermatogenese, Klage über Potenzschwierigkeiten.

Bei Jugendlichen: Vorzeitiger Epiphysenfugenschluß und damit Wachstumsstillstand, Pubertas praecox (sexuelle Frühreife), Hodenverkleinerung.

Bei Frauen und Männern: Leberschädigung.

Ob und inwieweit die aufgezeigten Schäden nach längerer Medikation reversibel sind, bleibt dahingestellt. Es kann nicht eindringlichenug gewarnt werden. Die Anabolika sind ausgezeichnete Therapeutika und sollten auch nur bei entsprechender Indikation eingesetzt werden.

Zitat aus ‚Biomedizin und Training‘, Bd. 9, 1972, S. 65, Diskussion:

„REINDELL [1971] befürchtete, daß die Verwendung von Anabolica im Ausdauersport (bei Ruderern zum Beispiel) zu ganz anormalen Größenveränderungen (von 520 bis 540 g) des Herzens führen könnten. Für den Ausdauersportler, der durch Verwendung von Anabolica seine Leistung zu steigern suche, bestehe deshalb die Gefahr der gesundheitlichen Schädigung.“

(Quelle: Knebel (Redaktion), Biomedizin und Training, B&W, Beiträge zur sportlichen Leistungsförderung, Band 9)

Experimente mit Anabolika

1976 veröffentlichten Wildor Hollmann und Theodor Hettinger in der Erstauflage ihres Werkes „Sportmedizin, Arbeits- und Trainingsgrundlagen“ Ergebnisse eines Experimentes mit einem Anabolikum, das sie an Sportstudenten durchgeführt hatten.

„So untersuchten wir den Einfluß einer Verabreichung von 5 mg eines Anabolikums per os auf Sportstudenten. Eine Gruppe absolvierte über 6 Wochen lang an 5 Wochentagen ein tägliches statisches Krafttraining am Dynamometer, während eine Kontrollgruppe ein gleiches Training unter Placebos verrichtete. Zwischen dem Trainingseffekt in der Anabolika-Gruppe und der Placebo-Gruppe konnten keine statistisch signifikanten Differenzen beobachtet werden“. „Mit höherer Dosierung aber wachsen die Schädigungsmöglichkeiten … Diese Schäden können irreversibel sein, so daß vor einer vor allem unkontrollierten Einnahme dringend gewarnt werden muß. So sinnvoll die Gabe von Anabolika in der ärztlichen Praxis unter eindeutig medizinischer Indikation ist, so gefahrvoll erscheint sie für den Sportler“. (HOLLMANN/HETTINGER 1976, 253ff, zitiert nach Singler/Treutlein 2010).