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Wir hoch sind die tatsächlichen Dopingraten unter Elitesportler*innen?
Die Durchschnittsraten der offiziellen Dopingnachweisen weltweit liegen seit Jahrzehnten zwischen 0,5 und 2,5%, wobei zu berücksichtigen ist, dass die Kontrollen und Mittel in dieser Zeit starken Änderungen unterlagen.
Studien, die zwischen 2007 und heute durchgeführt wurden, zeigen meist wesentlich höhere Dopingwahrscheinlichkeiten, teils über 50 %.
Diese Studienergebnisse finden stets hohe öffentliche Aufmerksamkeit und stellen das praktizierte Dopingkontrollsystem in Frage.
Die Studienmethoden stehen aber auch immer wieder in der Kritik. Unter Wissenschaftlern gibt es darüber zum Teil heftige Kontroversen.
Ein Beispiel hierfür ist die Studie, die 2013 von der WADA zum Doping unter Hochleistungs-Leichtathleten zum Zeitpunkt der Leichtathletik WM 2011 in Daegu und den 12. Pan-Arab Games in Doha in Auftrag gegeben wurde. Auf Betreiben der IAAF wurde sie zurück gehalten, nicht veröffentlicht. Die Studie erbrachte eine mögliche Dopingrate von 29% in Daegu bis 45 % in Doha. Erst hartnäckige Berichte von Journalisten und eine Untersuchung durch das Culture, Media and Sport Committee des Britischen Parlaments führten 2017 schließlich dazu, dass die Studie vollständig veröffentlicht wurde:
>>> Universität Tübingen: Dopingstudie: Hohe Dunkelziffer im Spitzensport, 29.8.2017
2022 wurden die vorliegenden Daten von Daegu und Doha erneut im Auftrag der WADA untersucht mit einem anderen Analysemethode. Die Dopingprävalenzen erwiesen sich hiermit als wesentlich geringer.
Die Autoren der ersten Studie antworteten mit einer kritischen Auseinandersetzung dieser Analyse von 2022:
Die Ergebnisse der Methoden weichen erheblich voneinander ab, auch wenn mit beiden deutlich wird, dass die Dopinghäufigkeiten weit über den Zahlen der nachgewiesenen positiven KontrollenSanktionen liegen dürften. Die sehr unterschiedlichen Studienergebnisse lassen aber auch immer wieder den Verdacht aufkommen, dass seitens der Anti-Doping-Organisationen bewusst manipuliert wird um die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit zu dokumentieren (SZ).
… Welch Zufall, dass vor knapp drei Jahren ein neuer Aufsatz jener Wada-Forschergruppe erschien, die die Agentur mittlerweile neu besetzt hatte. Die Wissenschaftlerum Andrea Petroczi, Professorin für Gesundheitswesen an der Universität Kingston, analysierten die Zahlen der WM 2011 aus Daegu mit einem anderen Fragemodell — und kam zu zurückhaltenderen Werten. …
Die unterschiedlichen Forschungsansätze führen innerhalb der empirisch arbeitenden Wissenschaftler*innen kritisch diskutiert. Die Ergebnisse der Studien lassen sich aber in der öffentlichen Diskussion nur schwer vermitteln.
Folgende Zitate aus einem Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 11.11.2025 geben einen Eindruck:
SZ: Wie hoch ist die Dunkelziffer der Doper?
Sowohl die Wada als auch die Forscher um Petroczi widersprachen damals energisch der These, dass man die Zahlen im Nachgang womöglich weniger kompromittierend aussehen lassen wolle. Beide Methoden hätten ihre Schwächen, hieß es sinngemäß. Es brauche also ein besseres Frageinstrument, um Dopingwerte zu schätzen. Sollte dieses einmal erprobt sein, so das Ansinnen der Wada, könnte man es etwa allen nationalen Agenturen bereitstellen.
…
Klingt tatsächlich gut in der Theorie. Aber in der Praxis?
Die Wada-Forschergruppe ist mittlerweile recht weit mit ihrer neuen Methodik, „The Extended Crosswise Model“ heißt sie. Mit entwickelt haben sie Maarten Cruyff und Petervan der Heijden, zwei Größen aus der angewandten Statistik.
…
Wo es nun spannend wird: Um diese Methode zu verfeinern, erprobten die Wada Forscher sie schon mal an insgesamt 2704 Spitzensportlern zwischen 2020 und 2022, verteilt auf fünf Anlässe. Die Ergebnisse der Ausgangsstudie sind anonymisiert, sie sind aber bereits von anderen Forschern begutachtet. Durch öffentliche Quellen und Recherchen lassen sich vier Anlässe auch zweifelsfrei identifizieren: je eine Umfrage unter spanischen und britischen Kaderathleten, dazu je eine Umfrage bei den spanischen Leichtathletikmeisterschaften 2022 sowie den Commonwealth Games 2022. Die mittleren Dopingschätzwerte: 13,0, 12,9, 35,7 und 21,3 Prozent.
Nun haben auch solche Werte ihre Unschärfen, angefangen bei der Frage, ob die Befragten die Definition von Doping überhaupt genau verstehen.
…
Prompt sanken die mittleren Schätzwerte nochmals: auf fünf, 11, 28 und 16 Prozent.
Alles noch immer ein Indiz dafür, dass die Doping-Dunkelziffer im Sport weiter beachtlich ist. Aber die Werte sind doch merklich niedriger als bei der Befragung zur Leichtathletik-WM 2011 oder manch anderen jüngeren Forschungsergebnissen.
Ist der Spitzensport zuletzt doch sauberer geworden?
… Zwar betont sie [WADA] auf Anfrage sinngemäß, dass diese Studien weniger dazu gedacht waren, Dopingschätzwerte zu ermitteln, als vielmehr eine Methode zu entwickeln, die Dunkelziffern künftig besser erfassen soll. Diese verfeinere man derzeit und wolle sie in „naher Zukunft“ allen Anti -Doping Organisationen zur Verfügung stellen. Zugleich beschließt sie ihre Ausführungen zu den jüngsten Arbeiten ihrer Forschergruppe mit einer erstaunlichen Feststellung: „Die jüngsten Daten zeigen, dass die Dopingprävalenz scheinbar sinkt.“
…
Fragt man den Sportwissenschaftler Werner Pitsch von der Universität des Saarlandes, hält er sowohl das Vorgehen der von der Wada beauftragten Forscher wie ihr neues Frageinstrument für durchaus tauglich. Pitsch hat schon in den Nullerjahrenähnliche Befragungen im deutschen Spitzensport angeschoben, damals kam er auf Dopingschätzwerte zwischen 20 und 38 Prozent. Der Wissenschaftler weiß gleichwohl um die begrenzte Aussagekraft der neuen Wada-Aufsätze. „Um diese Studien als Beiträge zur Dopingforschung interpretieren zu können, müsste man viel mehr über die Zusammensetzung Sportarten in den Umfragen erfasst wurden. „Es ist empirisch recht gut abgesichert, dass es einige wichtige Einflussfaktoren auf die Dopingprävalenz gibt, etwa die Sportart, das Geschlecht und das Leistungsniveau“, sagt Pitsch. „In Individualsportarten, in denen man die Leistungen in Sekunden, Zentimetern und Gramm messen kann, wird im Hochleistungsbereich zum Beispiel offenkundig mehr gedopt als in Sportspielen.“ Diese Daten würden in den Wada-Beiträgen aber nur „sehr oberflächlich“ aufscheinen, so Pitsch. Zu behaupten, dass die Dopingprävalenz im Sport generell sinke, könne man aus diesen Beiträgen also so gar nicht ableiten.
…
Wie belastbar aktuelle Dopingschätzwerte im Spitzensport sind, dürfte sich jedenfalls erst zeigen, wenn die neue Fragemethode der Wada transparenter zum Einsatz kommen wird. Wenn die Sportverbände und Anti-Doping-Agenturen überhaupt so weit gehen wollen.
Werner Pitsch, der Sportwissenschaftler, sieht das ganze Verfahren auch nicht nur positiv: „Aus meiner Sicht nimmt dieses Vorgehen der akademischen Forschung den Zugang zum Feld weg.Wenn alle Anti-Doping -Organisationen künftig dieses Verfahren nutzen, dann wird das Feld überforscht, da ist kein Raum mehr für Fragestellungen aus anderen Perspektiven. Man könnte zumindest vermuten, dass es dabei auch um Deutungshoheit geht: Wer darf Daten erheben in diesem Feld, wer darf sie interpretieren?“ Es dürfte nicht die letzte spannende Frage bleiben auf diesem Feld.
