Prävention: Antidoping-Referenten

Doping-Prävention: dsj-ZDP-Projekt „Sport ohne Doping“:

Antidoping-Referenten

Seit dem Jahr 2004 arbeiteten die Deutsche Sportjugend dsj gemeinsam mit dem Zentrum für Dopingprävention ZDP an einem langfristig angelegten Projekt für Dopingprävention. Unter dem Oberbegriff „Sport ohne Doping“ gelang es bisher einige erfolgreiche Maßnahmen durchzuführen wie die Erstellung einer Präventionsbroschüre, einer Arbeitsmedienmappe, der Erstellung eines Athleteninfos sowie die mehrmalige Durchführung deutsch-französischer Jugendlager mit Ausbildung von Juniorbotschaftern.

2010 wurde das Projekt ergänzt durch gezielte gezielte Referentenschulung mit dem Ziel, kompetente Präventionsfachleute zu erhalten, die selbst aus dem Sport kommen und somit praxis- und erfahrungsnah jungen und älteren Sportlern/Sportlerinnen und deren sportlichem Umfeld die Komplexität des Themas Doping nahe zu bringen und für einen sauberen Sport zu werben. Mit dabei sind auch ehemalige Sportler mit eigener Dopingerfahrung.

Im Folgenden erläutert Prof. Gerhard Treutlein (ZDP) das Projekt Anti-Doping-Referenten etwas ausführlicher.

Hintergründe über dessen Genese und Einbettung in deutsche Dopinggeschichte wurden in dem Sportgespräch des Deutschlandfunks ‚Sportbetrug als politische Herausforderung‘ vom 17. 10. 2010 angesprochen. Auszüge sind weiter unten nachzulesen.

NACHGEFRAGT von Monika bei Gerhard Treutlein (Oktober 2010):

Ist das Referentenprojekt ein neues Projekt?

Treutlein:Ja: Das Projekt „Sport ohne Doping“ geht auf einen Antrag der dsj an das Bundesministerium des Innern (BMI) im Rahmen der Umsetzung des Nationalen Dopingpräventionsplans 2009 zurück. Die dsj setzt das Projekt mit Manuel Ruep als Projektmanager um. Manuel ist ein ehemaliger Mitarbeiter von mir. Ich wollte da nicht mehr selbst die Gesamtverantwortung übernehmen. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Projektes ist der Aufbau eines Kern-Pools von Referent/ -innen. Ein erstes Treffen dieses Pools fand Mitte August in Frankfurt am Main statt (Manuel Ruep, Michael Sauer – Manfred-Donicke-Institut, Ralf Meutgens, Dominic Müser, Andreas Singler, Herr Eckert – hess. Schwimmverband und ich, Gerd Hillringhaus hatte wegen einer Operation gefehlt). Ziel ist es, sukzessive die Zahl der Referenten zu erhöhen, damit langfristig eine flächendeckende Versorgung mit qualifizierten Referent/ -innen zum Thema Dopingprävention sicher gestellt werden kann.

Findet eine Kooperation mit dem DOSB, der NADA oder anderen statt?

Treutlein: Innerhalb des DOSB hat die dsj die Federführung für das Thema Dopingprävention. Das Projekt wird durchgeführt im Auftrag der dsj, in Kooperation mit der NADA, finanziert durch das BMI. Ein Problem dabei ist, dass die Arbeit eigentlich viel früher anfangen sollte, aber es gab noch Abstimmungsbedarf bis der endgültige Bewilligungsbescheid dann Mitte September vorlag. Mein größtes Problem ist aber, dass die notwendige Langfristigkeit (jährlich neuer Antrag) bisher nicht gesichert ist. Ob so überhaupt jemals eine flächendeckende Versorgung mit Referenten erreichbar ist, bleibt fraglich. Andererseits: Ein Anfang ist gemacht, hoffen wir das Beste, lieber Leser … Und frei nach Charles Pigeassou in Montpellier: Es gibt keine Probleme sondern nur Lösungen …

Sind die Referenten durchgängig Sportler mit Dopingerfahrung?

Treutlein: Die Auswahl der bisherigen 13 TeilnehmerInnen erfolgte nach folgenden Gesichtspunkten. Manuel hat Personen angesprochen,

– die wir aus der Vergangenheit als kompetent und/oder interessiert kennen, uns bei unseren Veranstaltungen aufgefallen sind,

– die von Michael Sauer vorgeschlagen wurden aus dem Kreis der von ihm geschulten jetzigen und ehemaligen Studierenden, die bei der NADA-Tour durch die Eliteschulen des Sports eingesetzt sind oder waren.
In Erfüllung des Versprechens von dsj/DOSB an den Doping-Opfer-Hilfe-Verein waren auch Andreas Krieger und Ute Krieger-Krause dabei.

– Der Anspruch ist, bei der Zusammensetzung zu berücksichtigen: männlich – weiblich, alt – jung, regionale Verteilung, unterschiedliche Sportarten, unterschiedliche Vorerfahrungen/inhaltliche Schwerpunkte.

Welche Aufgabe haben die Referenten, Referentinnen?

Treutlein: Sie sollen auf der Basis der bisherigen Arbeit und moderner Präventionsansätze agieren. Schwerpunkte: Problembewusstsein für einen umfassenden Präventionsbegriff wecken, möglichst interaktiv vorgehen – sowohl bei der Schulung von Multiplikatoren als auch bei der direkten Arbeit mit Jugendlichen, bei der Arbeit mit Multiplikator/-innen Ziele, Methoden und Medien vermitteln.

„Bei der zweiten Multiplikatoren-Schulung des Dopingpräventionsprojektes „Sport ohne Doping“ im Haus des Landessportbundes [Rheinlandpfalz] holten sich 20 Bildungsverantwortliche im Haupt- und Ehrenamt sowie Referenten in der Übungsleiter- und Trainerausbildung das Rüstzeug im Kampf gegen die Einnahme unerlaubter Substanzen und die Nutzung von unerlaubten Methoden zur Leistungssteigerung.“ (AZ, 14.2.2011)

Regionalkonferenz Dopingprävention 18.11.2011

Wo werden/sollen die Referenten/Referentinen auftreten?

Treutlein: Referentenanfragen werden von Manuel Ruep in Koordination mit Dominik Müser gesammelt, potentielle Referenten nach Möglichkeit aus der jeweiligen Region werden benannt und treten dann ihren Regionen auf, bei Verbänden und Vereinen.

Über 3 – 4 Regionalkonferenzen pro Jahr soll die Aufmerksamkeit für die Thematik erhöht/geschärft und die Bereitschaft von Bundes- und Landesverbänden erhöht werden, eigene Veranstaltungen (unter Einsatz der Referenten) zu planen. Zusätzlich soll die Ausbildung von JuniorbotschafterInnen für Dopingprävention vorangetrieben werden, um Wortführer mit positiver Einstellung zur Prävention in den verschiedenen Verbänden und Vereinen zu haben (peer group Forschung!).

HINTERGRÜNDIGES. Zitate aus dem dradio-Sportgespräch vom 17.10.2010

Vom 15. bis 17. Oktober 2010 fand in Nördlingen ein Seminar „Dopingbekämpfung im Sport – gesellschaftliche Aufgabe im gesamteuropäischen Kontext“ statt. Veranstalter waren die Bundeszentrale für Politische Bildung, das Bundesinstitut für Sportwissenschaft und die Nationale Anti-Doping-Agentur NADA. Ein Schwerpunktthema war die Doping-Prävention.

Im Sportgespräch des Deutschlandfunks ‚Sportbetrug als gesellschaftliche Herausforderung‘, gesendet am 17.10.2010, war die Dopingprävention ein Thema. Angesprochen wurde darin das Projekt Anti-Doping-Referenten. Die Fragen stellten die Journalisten Herbert Fischer-Solms und Ralf Meutgens, zum Thema antworteten Franz-Josef Kemper (NADA) und Prof. Gerhard Treutlein (ZDP).

Fischer-Solms: Repression oder Prävention. Gerhard Treutlein, wann sollte denn diese Anti-Doping-Arbeit bei dem Sportler anfangen. … Ab wann ist denn der Athlet sozusagen für dieses Thema, wenn er denn nicht von vornherein sauber sein möchte, verloren?

Treutlein: Wir müssen unterschiedliche Stadien unterscheiden und ich gehe gern von dem Begriff Dopingmentalität aus. Dopingmentalität entwickelt sich im Zweifelsfall ab dem ersten Lebensjahr, wenn Eltern ihren Kindern irgendwelche Pillen, Nahrungsergänzungsmittel geben und ihnen den Eindruck vermitteln, dass sie ohne die Einnahme von solchen Sachen nicht leistungsfähig sind. Wenn diese Kinder … zudem noch mental schwach sind, dann geraten sie viel schneller in Versuchungssituationen rein als andere und deswegen muss Dopingprävention unspezifisch relativ früh einsetzen. Das kann man aber auch mit Präventionsmaßnahmen aus anderen Bereichen koppeln und darauf muss dann so ungefähr ab der Pubertät eine spezifische Prävention von Medikamentenmissbrauch und Doping ansetzen. Wenn Athleten erst einmal 20, 22, 24 sind und auf der Dopingschiene sind, dann hilft wahrscheinlich nur noch Repression.

DjK, 8.7.2013:
Erstmals seit der Kooperationsvereinbarung im vergangenen Jahr führten der DJK-Sportverband und die Doping-Opfer-Hilfe e.V. (DOH) gemeinsam eine Doping-Präventionsveranstaltung bei einem DJK-Kaderlehrgang durch. „Das war kein trockenes Dozieren zum Thema Doping, sondern ein wachrüttelndes Erlebnis für die Beteiligten. Höhepunkt war die Erzählung von Andreas Krieger, der 1986 bei der Leichtathletik-Europameisterschaft die Goldmedaille im Kugelstoßen gewann“, sagte Norbert Saxe, DJK-Bundesfachwart für den Frauenhandball. Die Veranstaltung fand am 29. Juni im DJK-Zentrum in Münster statt. Am vergangenen Wochenende zogen die Verantwortlichen im katholischen Sportverband ein positives Resümee. Andreas Krieger, der als Heidi Krieger den EM-Titel gewann und wie seine Ehefrau Ute Krieger-Krause zu den Opfern des DDR-Zwangsdopings gehört, brachen gemeinsam mit Lukas Monnerjahn vom DJK-Sportverband das Thema Doping herunter auf den Alltag im Mannschaftsport. Der DJK-Juniorbotschafter für Dopingprävention zeigte die Gefahren im schleichenden Medikamentenmissbrauch und im falsch verstandenen Teamgeist auf.

Fischer-Solms: Franz-Josef Kemper, wir haben in Deutschland das Problem der staatlich anerkannten Dopingopfer der DDR, die zum Teil ja wirklich so kaputt sind, gesundheitlich, dass man sich überlegen muss, wie kann man diesen Leuten – einem überschaubaren Kreis – dauerhaft helfen.

… [es ist] vom Deutschen Olympischen Sportbund bereits beim Bundestag in Weimar, ich glaube 2007, angekündigt worden, dass diese Personen in die Dopingprävention einbezogen werden sollen. Das ist bis heute aber noch nicht erfolgt. Die Betroffenen haben sich sehr wohl dazu bereit erklärt.

Ist es sinnvoll? Und warum kommt das nicht in Gang, die Erfahrung dieser Leute sozusagen zu nutzen im Anti-Doping-Kampf?

Kemper: Es hat sich in der Präventionsarbeit der NADA an Schulen und in Vereinen gezeigt, dass Spitzenathleten authentische Gesprächspartner für Kinder und Jugendliche sind und dann besonders authentisch, wenn sie vielleicht selber Dopingtäter waren und das dann gestehen und mit Jugendlichen darüber diskutieren, wie es gekommen ist und was hätte geschehen müssen, damit das nicht passiert wäre. Das ist das eine, ich denke das ist sehr wichtig.

Die Dopingopfer der ehemaligen DDR sind in vielen Fällen schon eine ältere Generation, die vielleicht nicht mehr so nah an den Athleten, an den jungen Athleten des Westens oder des jetzigen Gesamtdeutschlands sind. Ich muss ehrlich gestehen, wir haben in der NADA diese Problematik, wie kann man ehemalige Dopingopfer der DDR in einen glaubhaften Anti-Doping-Kampf einbinden, noch nicht systematisch diskutiert. Ich denke mir, dass es in etlichen Einzelfällen durchaus sinnvoll wäre, aber gegen eine sehr systematische und mit sehr vielen Personen aus der ehemaligen DDR angelegte Strategie, da wird sehr schnell das Gegenargument, auch bei jungen Athleten und Athletinnen kommen, was haben wir mit denen zu tun, das war eine völlig andere Zeit, das war ein völlig anderer Staat, das sind völlig andere Menschen als wir, das ist für uns überhaupt kein Beispiel, sei es negativer oder positiver Art. Also insofern wäre ich da etwas zurückhaltend, das zu einer generellen Strategie zu machen, aber ich glaube schon, dass generell Athleten und vor allem ehemals dopende Athleten sehr authentische Partner in der Anti-Doping-Prävention sind.

Fischer-Solms: In dem Zusammenhang weiter gefragt, ehemalige Trainer der DDR, die jahrzehntelang Dopingbeteiligung geleugnet haben, die dann zugegeben haben, für den Preis sozusagen fest angestellt zu werden, wie wir es jetzt erlebt haben in der deutschen Leichtathletik, ist das vorbildlich für den Anti-Doping-Kampf?

Kemper: … Ich kenne persönlich keinen einzigen Ex-DDR- oder auch Ex-BRD-Trainer, die gedopt haben, die offen und ehrlich gestanden und bereut haben. Die haben immer nur das zugegeben, was sie nicht mehr widerlegen konnten. Da bin ich sehr skeptisch. Da wären mir in der Präventionsarbeit Athleten sehr viel lieber als Trainer.

Meutgens: Wie sind Ihre Erfahrungen diesbezüglich Gerhard Treutlein?

Treutlein: … In den Interviews die Andreas Singler und ich geführt haben vor jetzt über 10 Jahren, waren die Athleten die mit Abstand ehrlichsten. Und je höher die Funktion war, desto mehr hatten wir das Gefühl auch belogen zu werden. (Singler/Treutlein: Doping im Spitzensport)

… Wir haben am vorletzten Wochenende eine erste Schulung von zukünftigen Referenten gemacht und da war auch Andreas Krieger und Ute Krieger-Krause dabei und die haben auch selber von sich aus vorher eingebracht, sie wollen, wenn sie dann als Referenten auftreten, nicht als diejenigen auftreten, die ständig von ihren großen Schädigungen sprechen, sondern als solche, die wissen, was da passieren kann in den Bereichen. Die aber versuchen Jugendliche in eine … positive Richtung zu beeinflussen. Bei einer nächsten Runde wird dann beispielsweise wahrscheinlich Uwe Trömer dabei sein. Damit wird auch versucht ein Versprechen zu erfüllen, das der DOSB und die dsj den Dopingopfern gegenüber gemacht haben. Das heißt, wir versuchen bei der Zusammenstellung von Referenten einen möglichst großen Querschnitt Ost und West, jüngere und ältere hin zu kriegen. Das Potential für diese Sachen ist sowohl finanziell aber auch personell sehr beschränkt.

Monika, Oktober 2010