Operación Puerto: Michael Holczer, Interview 1.7.2006

Michael Holczer-Interview

das Interview erschien in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 02.07.2006, Nr. 26, S. 22.

„Es gibt hier Leute, die mit ihrem Leben spielen“

Michael Holczer, der Chef des Radteams Gerolsteiner, über den Dopingskandal und die Folgen

Hatten Sie Angst, daß auch Sie einen oder mehrere Fahrer würden suspendieren müssen?
Ich bin bei Bekanntwerden der Affäre davon ausgegangen, daß wir nicht daran beteiligt sind. Es gab keinen Wink, der in diese Richtung gegangen wäre.

Konnten Sie wirklich sicher sein?
Man kann für niemanden die Hand ins Feuer legen, man kann niemanden 24 Stunden beobachten. Es gibt eine gewisse Grundhaltung, die man vermitteln kann, es gibt einen gewissen Geist, den man in einer Mannschaft spürt. Aber man ist nie gegen böse Überraschungen gefeit, das habe ich selber am eigenen Leib gespürt. Wenn so eine Geschichte auffliegt, dann ist es auch Gesprächsstoff zwischen sportlicher Leitung und Fahrern, und dann spürt man, wenn etwas nicht astrein ist. Ich habe nichts gespürt. Wir haben auch teilweise Leute befragt. Es gibt einen Levi Leipheimer, der beispielsweise in Spanien in Girona wohnt. Wir konnten aber ganz schnell klären, daß der nie da unten gewesen ist. Wir haben auch sonst keine komischen Flüge von irgendwelchen Fahrern gehabt, wo einer gesagt hätte, er muß die Tante in Madrid besuchen. Wir haben deswegen auch von den Fahrern keine Verpflichtungserklärung unterschreiben lassen, wie wir es bei den Physiotherapeuten getan haben.
(…)
Sie haben immer behauptet, der Radsport sei dabei, sauberer zu werden. Ist das nun noch aufrechtzuerhalten?
Wir haben jetzt einen extremen Schlag gegen den Radsport erlebt. Die Teamchefs sind nun aber am Freitag morgen in einer Geisteshaltung zusammengekommen, wie ich sie unter den Teammanagern noch nie erlebt habe. In dem Sinne, daß dies unsere letzte Chance ist. Wir müssen uns anders verhalten, als es häufig in der Vergangenheit passiert ist. Wir müssen eine klare, konsequente Haltung in der Frage des Dopings zeigen, ohne zu diskutieren. Steht ein Fahrer auf der Liste der spanischen Ermittler: raus, Ersatzfahrer – nein. Da steht schließlich ein Dopingvergehen im Hintergrund, und das kann man nicht einfach dadurch ausgleichen, daß man sagt, dann fährt halt ein anderer für den bei der Tour. Das ist eine Haltung, wie ich sie noch nie erlebt habe. Das bestätigt meine These: Wir sind auf dem richtigen Weg. Es gibt auch das Gerücht, daß nun die Überführung der Leute über DNA-Analysen erfolgte, die von Blutproben gemacht worden sind, die der Internationale Radsportverband (UCI) hat. Und damit steht auch die UCI wieder in dem Licht, wie ich sie seit ein paar Jahren sehe. Und nicht dort, wo man sie vielleicht berechtigterweise mal vermutet hat.

Glauben Sie, daß der große Knall vom Freitag zu mehr Sauberkeit im Radsport führen wird?
Das ist definitiv mein Eindruck. Es wird mit Sicherheit so sein, daß die Schwelle ein beträchtliches Stück angehoben wird. Wenn wir ganz auf die Schnelle die zwei Hauptfavoriten aufgrund von Verfehlungen ausschließen, dann ist das ein Zeichen für alle anderen.

Wurde Jan Ullrich, sollte sich seine Schuld tatsächlich erweisen, möglicherweise auch fehlgeleitet, wurde er falsch beraten?
Man muß sich wirklich überlegen: Woher kommt es? Es kann sein, daß es Sponsorendruck ist, daß es eigener Druck ist, es kann das Umfeld sein, die Öffentlichkeit. Es gibt Leute, die nicht akzeptieren, daß dieser Mensch mal Zweiter, Dritter oder Vierter wird und sich trotzdem in seiner Haut wohl fühlt. Wenn wir eine filmende oder schreibende Zunft haben, die meint, es gebe nach Ullrich keinen Radsport mehr in Deutschland, dann ist sie auch daran schuld, daß alles auf ihn projiziert wird und daß dann Situationen geschaffen werden, in denen es zu Fehlentscheidungen kommt.

Das hört sich fast an, als hätten sie Mitleid mit Ullrich.
Bei mir überwiegt einfach das Entsetzen darüber, daß es hier Leute gibt, die mit ihrem Leben spielen. Das haben mir Ärzte bestätigt.
(…)
Ist die Tour am Freitag gewissermaßen „enthauptet“ worden?
Ich sehe das nicht unbedingt so. Wenn man sportliche Ereignisse unter dem Reiz betrachtet, daß etwas Unerwartetes geschehen kann, dann hat diese Tour nicht unbedingt verloren. Wenn Protagonisten fehlen, die man für überlegen hielt, und wenn sich dann herausstellt, daß diese Überlegenheit durch Manipulation zustande gekommen ist, dann tut es der Tour weniger weh, als wenn sich hier ein System manifestiert hätte, das irgendwann dazu hätte führen können, daß der eine oder andere in der Kiste landet. Die Tour wird um einiges interessanter, als es noch vor einigen Tagen ausgesehen hat. Es gibt sehr viele hier, die ihren Job ganz ehrlich machen – und die jetzt durchaus eine unausgesprochene Genugtuung darin finden, standhaft und sauber geblieben zu sein.

Das Gespräch führte Rainer Seele.