Spanien: Fußball und Doping

Der spanische Fußball und Doping

Der spanische Hochleistungssport, insbesondere auch der Fußball sehen sich in den letzten Jahrzehnten großem Misstrauen gegenüber. Vor allem die Geschehnisse um Dr. Eufemiano Fuentes im Rahmen der Operacion puerto und die Dominanz des spanischen Fußballs nährten heftige Zweifel an der Sauberkeit des Sports. Im Verlauf der Geschehnisse rund um Fuentes gab es viele Hinweise auf Doping in mehreren spanischen Fußballclubs, Konsequenzen gab es jedoch keine.

Die im Folgenden aufgeführten Vorkomnissse zeichnen daher nur ein unvollkommenes Bild.


Beispiele, Zitate

1975:
Der Spieler Tonono vom spanischen Erstligisten Las Palmas stirbt 1975 auf dem Spielfeld. Die Autopsie ergab ‚blockierte‘ Nieren durch Dopingmittelmissbrauch.
(Paris Match, 3.6.1977, nach de Mondenard in Les Dopés du Foot, 2012, S. 195)

1978:
Anlässlich des Europacup-Spiels Anderlecht-Barcelona am 18. Oktober 1978 taucht plötzlich das Team einer belgischen Polizei-Sondereinheit auf und möchte von jedem Team drei Spieler kontrollieren. Alle sechs weigern sich. Die Spanier sahen sich nicht an Gesetze fremder Länder gebunden. Am 23.Januar 1979 wurde verkündet, es gäbe keine juristischen Sanktionen wegen der Verweigerungen. Diese Ankündigung stieß allerdings auf heftige Kritik all derjenigen, die sich ähnlichen Kontrollen unterworfen hatten. Offen wurde der Einfluss des europäischen Verbandes angesprochen, der die Angelegenheit so gut wie möglich geregelt haben wollte, was wiederum umgehend dementiert wurde, die Justiz sei unabhängig. (Noret, le Dopage, S. 133)

1979:
Juan Gomez Juanito, spanischer Fußballer 1979:
„Als ich für Burgos spielte, kam es vor, dass ich mich dopte. Ich nahm Centramin (Amphetamin), das man in der Apotheke in Verpackungen zu 20 Stück bekommt.“ (de Mondenard, S. 58)

1983:
Gerüchte? Üble Nachrede? Waren die spanischen Sportler im entscheidenden Qualifikationsspiel zur EM 1984 gegen Malta gedopt und haben zudem den Gegner malte ‚vergiftet‘? Soanien musste mit 11 Toren Unterscchied gewinnen, was ihnen gelang. 2018 erhonb ein ehemaliger Spieler entsprchende Vorürfe. (SZ, 21.3.2018)

1988:
Eine offizielle Statistik des consejo superior de deportes (CSD), veröffentlicht im Juli 1988, erbrachte das Ergebnis, dass die Dopingrate im spanischen Fußball höher war als im spanischen Radsport. Danach dopten 2,41% der Spieler der Ersten und Zweiten Liga. Der weltweite Durchschnitt läge bei 2,25%. Danach nahm der Fußball den dritten Rang hinter Body-Building und Gewichtheben ein.
(Libération, 21.7.1988, nach de Mondenard in Les Dopés du Foot, 2012, S. 228)

1998:
In den 90er Jahren trat EPO seine Siegeszug an. Das Dopingproblem eskalierte und fand im Festina-Skandal 1998 während der Tour de France einen Höhepunkt. Alles schaute auf den Radsport, Doping in anderen Sportarten wurde kaum mehr thematisiert. Verdachtsmomente gab es jedoch auch im Fußball. 1998 fand in Frankreich die Weltmeisterschaft statt. Im Vorfeld gab es heftige Auseinandersetzungen um unangekündigte Trainingskontrollen, die am 26.12.1997 bei der französischen Mannschaft im Trainingslager in Tignes durchgeführt wurden. Unangekündigt? Während der Ferien? Selbst Ministerin Buffet sah sich genötigt sich zu rechtfertigen und entschuldigte sich offiziell bei der Mannschaft für das gewählte Datum. Von diesem Zeitpunkt an bis zu der WM im Juni/Juli wurden die ‚Blauen‘ nicht mehr im Training kontrolliert. Durchgeführt wurden wohl Kontrollen während eines Freundschaftsspiels im Januar gegen Spanien, doch nicht bei den Spaniern. Diese weigerten sich, Frankreich sei nicht zuständig, auch FIFA-Präsident Blatter soll dieser Meinung gewesen sein. Der Spanische Sportminister erklärte dazu auf Anfrage, „bei uns läuft das nicht so wie in Frankreich, … Fußballer sind unantastbare Helden“ (mehr zur WM 1998 siehe >>> hier und >>> hier)

2004:
Dr. Alfonso Del Corral, ehemaliger Mediziner von Real Madrid und der spanischen Nationalmannschaft, meinte 2004:

„Ich glaube, dass es Doping im Fußball gibt. Doping kann existieren, hat existiert und wird existieren. Es gibt Clubs, die Helferteams haben, die mit den Grenzen flirten und diese in bestimmten Situationen überschreiten. … Ich möchte immer das beste denken doch es gibt 200 Teams die darum kämpfen, das beste Europas zu sein. Klar ist, das einige ein Team aus Physiologen, Endokrinologen, Biochemikern, Pharmazeuten haben, die versuchen dem Gesetz immer einen Schritt voraus zu sein. Diese erwischt man nicht. Das ist das Problem.“ (Marca, 25.9.2004; nach de Mondenard in Les dopés du foot, S. 135)

2016 Lotfi El Bousidi, Jeder zehnte Fußballer war gedopt. Studie Juli 2016:

„Zwischen 14 und 28,8 Prozent der befragten Deutschen waren im Befragungsjahr gedopt. In Schweden waren 14,5, in Spanien 31,3 Prozent der Befragten gedopt.“ … „Die meisten haben die Augen geschlossen und etwas genommen, was ihnen Ärzte ihrer Arbeitgeber gespritzt oder zum Schlucken gegeben haben. Besser nichts Genaues wissen…“ … „Er fragte die Teilnehmer auch: Würden Sie gefährliche Präparate nehmen, wenn Sie sicher sind dass Sie nicht erwischt werden? Die gesamte Befragung erfolgte anonym. Lotfi El Bousidi: „Viele sagten: ‚Ja, das würde ich, wenn ich meine Leistungen dadurch erheblich steigern könnte.‘“

2017:
Gerade einmal 57 Fußballer wurden in der aktuellen Saison getestet – in Deutschland waren es in der vergangenen Saison 1912.
Der Hintergrund: zehn Monate lang konnte in Spanien keine Regierung gebildet werden. Reformen und die Verabschiedung neuer Gesetze mit Blick auf den Anti-Doping-Kampf wurden verschleppt.
Die Tests entsprechen nicht mehr dem internationalen Standard. Die Welt-Anti-Doping-Agentur bezeichnet sie als nicht konform. FIFA und UEFA erklären sich als nicht zuständig für nationale Kontrollen. Ausgerechnet in dem Land, in dem nachweislich Proficlubs mit überführten Dopingärzten – Stichwort Fuentes-Affäre – Kontakt hatten. (Deutschlandfunk, 15.2.2017, insidethegames, 9.2.2017)


Arzt Eufemiano Fuentes – Operacion puerto

Eufemiano Fuentes begann seine Zusammenarbeit mit dem Fußball 1995. Er wurde bis 1996 Teamarzt des Zweitligaclubs Elche CF. 1996 lehnte er allerdings ein entsprechendes Angebot des FC Barcelona ab. 2000/2001 übernahm er dann für ein Jahr die Position des Teamarztes des Fußballclubs Las Palmas seiner Heimatinsel Gran Canaria, der in die erste Liga aufgestiegen war. Unumstritten war er nicht, denn einige seiner Behandlungsmethoden fanden nicht bei allen Spielern Zustimmung. Zum Skandal kam es, als nach einem Spiel in Vallecas Spritzen in den Umkleideräumen gefunden wurden. Analysen der Spritzeninhalte wurden jedoch nicht vorgenommen. (elperiodico.com, 12.8.2006). Erneut lehnte er ein Angebot des FC Barcelona ab.

Als 2006 die Operacion puerto Anfangs nur den Radsport betreffend, publik wurde und Fuentes Beziehungen näher hinterfragt wurde, geriet auch der spanische Fußball in den Blick.

Die aufgedeckten Verbindungen legten auch nahe, dass der Arzt seine Dopingpraktiken auch im Fußball angewandt hatte. Doch die Verwendung glaubwürdiger Hinweise, die der Presse, insbesondere der fränzösischen Zeitung Le Monde vorlagen, wurden mit  juristischen Mitteln der betroffenen Fußball-Clubs zur Veröffentlichung und weiteren Verwendung untersagt.

Eine Zusammenfassung der Ereignisse:

>>> Operación Puerto: Eufemiano Fuentes und der spanische Fußball

Aufschlussreich: 2021 gibt Fuentes dem spanischen Journalisten Jordi Évole beim spanischen  Sender La Sexta ein letztes Interview. Die Süddeutsche Zeitung fasste es am 30.3.2021 zusammen.

„Der dramaturgische Aufbau fußt auf Fuentes‘ Eingeständnis, dass er gerne mit dem FC Barcelona gearbeitet hätte, es aber nicht tat; dass er zudem Real Sociedad San Sebastián beraten habe, nicht aber den FC Valencia. Dann folgt die Klimax: „Haben Sie die Ärzte von Real Madrid beraten?“ Es macht sich eine fast zehnsekündige, knisternde Stille breit. „Ich werde dir diese Frage nicht beantworten“, sagt Fuentes, aber: „Das bedeutet nicht: ‚Ja‘. Ich musste in einem Prozess aussagen, und musste ‚Nein‘ sagen.“ Mit diesen Sätzen spielt er auf den Schadenersatzprozess an, den Real gegen die französische Zeitung Le Monde gewann, die berichtet hatte, der Klub habe Fuentes‘ Dienste genutzt. Und noch ein kurioses Detail, das Fuentes jetzt loswird: Real habe ihm versprochen, seine Reisekosten im Rahmen des Prozesses zu decken. Das Geld habe er am Ende einklagen müssen.

Wen man bei Real Madrid fragen könne, ob er, Fuentes, für den spanischen Rekordmeister gearbeitet habe?, fragt der Journalist Évole. Es folgt wieder sekundenlange Stille, ehe der Journalist eine andere Frage stellt. Nämlich: Wieso denn Fuentes den Chef der medizinischen Abteilung von Real Madrid, Alfonso del Corral, so vertraut „Alfonsito“ nenne. Da antwortet Fuentes mit einer seltsam vielsagenden Frage: „Ob es weitere Zeugen dafür gibt? Nein, es gibt keine weiteren.“ – Zeugen wofür?, hakt der Interviewer nach. „Zeugen für das, von dem ich (im Prozess gegen Le Monde, Anm.) gesagt habe, dass es nicht geschah“, sagt Fuentes – also offenkundig seine angebliche Zusammenarbeit mit Real Madrid.

„Was für eine Pirouette!“, sagt der Interviewer schließlich. Und beide lächeln. Als wüsste der eine, was der andere durch die Blume gesagt hat, und der andere, dass er verständlich genug war, obwohl er nichts ausdrücklich sagte. Und so steht so am Ende mancher enttäuscht da und sieht betroffen, wie der Vorhang fällt – und viele Fragen offenbleiben.“