Doping: Beschaffungswege 2

Handel / Dealen mit Dopingprodukten, Teil 2

Sieben kleine Beispiele, die länger zurück liegen. Sie lassen sich mittels google leicht ergänzen durch aktuellere der letzten Zeit

Der Standard, Österreich, berichtete am 28. 1. 2002 von einem großangelegten Handel, in dem auch Polizisten verwickelt waren:

„Linz/Wien: Drei Tonnen beschlagnahmte Anabolikapräparate, zwei suspendierte Wega-Beamte der Wiener Polizei. … Die Ware stammte aus Südamerika, Asien und Osteuropa und war für die EU bestimmt. Den ersten Hinweis auf den Schmugglerring lieferte dem Zoll ein Linzer Postler. Ihm war im November 2001 ein verdächtiges, aufgerissenes Paket aufgefallen. Seither verfolgten die Ermittler die Spur: 45 Lieferungen mit insgesamt 800 Kilo Anabolika wurden abgefangen. Die Adressen auf den Paketen waren fingiert, dennoch wurden zwei als Zwischenlager genutzte Woh- nungen in Wien und Tulln ausfindig gemacht. Dort fand die Zollwache ebenfalls große Mengen des „Stoffs“. … Die sichergestellten drei Tonnen der illegalen Ware haben einen Schwarzmarktwert von zwei Mio. Euro (27,5 Mio. Schilling). In einer der Wohnungen waren – illegal in Österreich aufhältige – Frauen damit beschäftigt, die Anabolika aus ihren Originalverpackungen in EU-Behältnisse umzupacken. Die Zentrale des generalstabsgemäß organisierten Schmuggels vermuten die Fahnder in Tschechien. …“

Pfaffenhofener Kurier und WAZ, 21. 5. 2002:

„Der „Corriere della Sera“ schrieb nach der Entdeckung eines Doping Depots im Hauptquartier eines Amateurclubs in Manerba am Gardasee von der „Apotheke des Todes“. Aus einem Kühlschrank voller Doping-Präparate sollen mindestens 20 Profis versorgt worden sein. Blutdoping-Präparate, nicht im Handel erhältlich, seien aus Krankenhäusern gestohlen und über Mafia-Kreise an die Profis verkauft worden. Die Zeitung behauptete, die Mafia kontrolliere den Doping-Schwarzmarkt.“

Die Ärztezeitung berichtet im September 2002 von zwei KFZ-Mechanikern, die im Raum Göttingen mit gefälschten Rezepten große Mengen Wachstumshormone und andere Medikamente im Wert von ca. 45 000 € erworben haben. Ein ZIWI stahl in einer Klinik Blankorezepte, Patientenaufkleber und Stempel. (Ärztezeitung, 2.9.2002)

Aus der Presseschau von dopinginfo.ch:

„Dopingdealer – menschliche Hormone aus Leichen verwendet“

„Die italienische Polizei hat in sichergestellten Doping-Ampullen menschliche Hormone entdeckt, die Leichen entnommen wurden. Insgesamt wurden 11’000 Ampullen und 30’000 Pillen beschlagnahmt. Während den Ermittlungen hat sich herausgestellt, dass die Organisation über hundert Bodybuilder und Amateurvelofahrer aus Norditalien und der Schweiz mit Substanzen wie Epo, Nandrolon und Wachstumshormonen versorgt hatte. (Agenturen, 21.01.2003)“ Meldungen, wonach EPO auf dem Markt ist, das aus Leichen gewonnen wurde, gab es Jahre 2000.“

Die Ärzte Zeitung berichtet am 13.5.2003 von einer Razzia in italienischen Videtheken:
Junge Athleten mußten in der Videothek nur nach einem bestimmten Film fragen – und in der Hülle fanden sie Dopingmittel wie Epo, Ephedrin oder Hormone. Nun haben 230 Beamte der Gesundheits-Carabinieri von der Nas (Nucleo antisofisticazione sanitario) in 13 italienischen Städten 50 verdächtige Videotheken ausgehoben und 60 Vorladungen verfertigt.

Die Sportler, gegen die ermittelt wird, sind laut „La Repubblica“ meist junge Radfahrer, aber auch Rugbyprofis. Zwei Besitzer einer Videothek in Carmignano Brenta in Norditalien wurden festgenommen. Sogar Sportliche Leiter von Radteams hätten den Behörden die Umtriebe angezeigt; sie seien es leid gewesen, laufend unerklärte sportliche Wunder miterleben zu müssen.

Viele illegal hergestellten Mittel kommen aus dubiosen Labors in Osteuropa. Die Märkische Zeitung (24.9.2003) berichtet von der Festnahme eines jungen Dealers:

„Slubice (MOZ) Im polnischen Grenzort Slubice hat die Polizei … einen Mann verhaftet, der Anabolika und andere muskelbildende Präparate illegal offenbar auch nach Deutschland verkaufte. Wie ein Polizeisprecher der MOZ bestätigte, wurden in der Wohnung und der Garage des 25jährigen Verdächtigen mehrere Tausend Tabletten und Ampullen Metanabol, Testosteron und andere Präparate aus Osteuropa sowie polnische und Euro-Banknoten im Wert von 20 000 Euro beschlagnahmt.“

Auffallend, dass die Polizei klar zwei Todesfälle mit diesen Produkten in Verbindung bringt:

„Die Polizei warnte ausdrücklich vor dem Kauf solcher Präparate, da diese außer der Muskelaufbaumittel häufig auch weitere gesundheitsgefährdende Substanzen enthielten. Laut Polizei gab es im Jahr 2001 in Frankfurt und Strausberg bereits zwei Todesfälle, die auf den Gebrauch von Anabolika aus Polen zurückzuführen waren.“

Im November 2004 gelang der deutschen Polizei die Aufdeckung eines illegalen Internet-Versandhandels.

Die Ware wurde über eine 0190-Servicenummer bestellt und mit Kreditkarten bezahlt. Der Versand erfolgte per Paketdienst – auf Wunsch sogar per 48-Stunden-Expresslieferung.“ „Zollfahndung und Staatsanwaltschaft gehen davon aus, dass die Firma in Deutschland Millionenumsätze gemacht hat. Die Dopingmittel werden nach den bisherigen Ermittlungen der Zollfahndung als „Nahrungsergänzungsmittel“ deklariert und aus den USA nach Großbritannien gebracht. Dass in den Tabletten und Kapseln das Anabolikum Methandienon enthalten ist, steht nicht auf den Etiketten.“ (Focus, 12.11.2004)

Diese Beispiele muten jedoch fast harmlos an, wenn man die Meldungen über Razzien dieser Zeit in Italien liest. Oder man könnte auch sagen, sie lassen erahnen, was man finden würde, wenn überall konsequent nach den Mitteln und den Verteilernetzen gefahndet würde.

Etliche Razzien in Italien im Jahr 2003, die erste im April, weitere von September bis November, erbrachten Funde verschiedenster Dopingsubstanzen und Drogen im Wert von über 2,5 Millionen Euro. Im Zentrum der Ermittlungen standen Apotheken, über die der schwungvolle Handel abgewickelt wurde.

Eine weitere großangelegte Razzia im Mai 2004 (‚Oil for Drugs‘ genannt) bestätigte die Rolle der Apotheken und legte viele Verbindungen zu Sportlern, Teams, Verbänden und Ärzten offen.

Der Höhepunkt der Untersuchungen bislang kam dann im Dezember 2004. Über 600 Karabinieri deckten in der Operation „Pharma connection“ weitverzweigte Verbindungen zwischen Apothekern, pharmazeutischen Unternehmen und Medizinern auf, Verbindungen, die bis in Universitäten reichten. Die beschlagnahmten Mittel waren überwiegend für Bodybuilding-Studios gedacht und hatten einen Wert  von 8-10 Euro. (>>> weitere Infos Pharma Connection)

spielt die Mafia mit?

Mafia? Wo viel Geld verdient werden kann, ist diese sicher nicht weit, zumal die Nähe zum Drogenmarkt gegeben ist.

Alessandro Donati, führender Antidoping-Experte Italiens und hauptverantwortlich für das Aufdecken jahrzehntelanger Dopingrealitäten in Italien in Verbindung mit Conconi und Ferrari, sah das schon länger so:

Zitat von 1999 aus einem Vortrag von Donati:

1. In September of this year (1999), a large operation of the italien police led to the seizure of relevant quantities of doping substances and to various arrests; evidence clearly pointed to an international racket in the hands of the Mafia.

2. in May of this year a commissioned burglary occurred in Nicosia (Cyprus); four million and five hundred thousand doses of EPO were taken; according to the investigators these were to be sold on the black market to athletes specializing in endurance disciplines;

3. in January of this year in Milan, the Police received an anonymous telephone call and seized various bags containing 35 kilograms of testosterone (…!); enough to dope 700 000 athletes for one day, or we prefer, 70 000 athletes for 10 days. The telephone call was probably a reckoning between racketeers. (Singler/Treutlein)

Mehr auch unter Doping in Mafia’s hands, CNN, sports illustrated vpm 17. 3. 2000

Und die Situation in Russland läßt auch Vermutumgen zu, dass hier das Organisierte Verbrechen mitmischt oder mitmischen wird: Russlands Anti-Doping-Beauftragter Nikolai Durmanow hält den Kampf gegen das Doping für verloren, zumal vor dem Hintergrund der seiner Meinung nach katastrophalen Entwicklung im Riesenreich Russland: Tausende arbeitslose Chemiker, ein unregulierter Arzneimittel-Markt und unzählige Talente, die mit dem Sport ihrem elenden Leben entfliehen möchten:

„Bei uns sind alle Voraussetzungen gegeben, um alles nur noch schlimmer zu machen. Durch die weggefallenen Grenzen könnten sich die neuen Doping-Formen schnell in anderen Ländern ausbreiten. Russland könnte in Sachen Doping für Europa das werden, was Kolumbien in Sachen Kokain für die USA ist“. (27.12.2003)

Eine Zustandsbeschreibung einer wie es scheint aussichtslosen Situation wurde von Donati und Prof. Frank im Januar auf einer Dopingpräventions-Tagung in Heidelberg vorgelegt
>>> Der Milliardendeal (FAZ, 17.1.2005).
Anfang 2006 war Donati Gast bei der WADA und legte eine Studie zu Doping und organisierter Kriminalität vor
>>> Organised crime involved in trafficking of drugs for doping. Seine PowerPoint-Präsentation ist >>> hier zu finden.

Ärzte und Pharmaindustrie

Im Dezember 1997 berichtet cyclingnews von einer Untersuchung des Niederländischen Antidoping-Zentrums NeCeDo, wonach in den Niederlanden 280 Ärzte verbotenen Mittel verabreichen (inwieweit diese Untersuchung in die oben zitierte einging bzw. damit zusammenhängt, weiß ich nicht).

NeCeDo Director E. Vrijman sagte:

„In total this is not more than 4 per cent of the doctors. But each doctor who supplies drugs is one too many, and the investigation of Sanders in Limburg shows how wide a network can develop around just one individual doctor.“

Die Ermittlungen ergaben auch, dass neben den Ärzten Apothekern und Masseuren die Drogenmafia mitmischt und die Pharmzeutische Industrie wissentlich eingebunden ist. Der Umsatz in Holland wird auf bis zu 200 Millionen Gulden geschätzt. Der Handel mit Dopingsubstanzen sei eng mit dem allgemeinen wie Kokain und Heroin verknüpft. Häufig seien die Produkte nicht steril sondern bakteriell verseucht und Betrug wäre an der Tagesordnung, z.B. seien Fälle bekannt, in denen Sportler Olivenöl zum Spritzen bekamen. Die Niederlande gehören zu den Ländern, in denen der Gebrauch von Dopingmitteln am höchsten sei. (cyclingnews.com)

Die Muster sind in Deutschland jedoch dieselben:

Oberstaatsanwalt Körner sind Fälle bekannt, in denen Ärzte ihre Praxen als Umschlagplätze für Drogen- und eben auch Dopinghandel nutzen. „Dann stellen sie bei der Nachforschung fest, daß der angebliche Doktor gar kein Sportarzt ist, sondern – sagen wir – ein Gynäkologe, dessen Praxis schlecht läuft.“ Aber es gibt so gut wie keine Verfahren gegen diesen „Täterkreis“, dem Körner – den Spitzensport im Blick – noch die Betreuer, Manager von Spitzensportlern, Apotheker und das Hilfspersonal zurechnet.“ (FAZ, 11.5.2005)

Zu diesen Meldungen passen folgende Notizen um Medikamenten-Angebote von Pharmaherstellen zu Testzwecken:

Søren Kragbak, medizinischer Berater des Dänischen Radsportverbandes, wird im Jahr 2000 von einem Cross-Fahrer beschuldigt in den 1991 EPO verabreicht zu haben, dies leugnet er, erzählt aber, dass damals ein Schwedischer Pharmakonzern an die Dänische Radsportunion herangetreten sei, mit dem Wunsch bei den Fahrern EPO testen zu können. Das wäre aber abgelehnt worden, da EPO als zu gefährlich galt. Danach wäre das Mittel bei Schwedischen Langläufern eingesetzt worden, die zu der Zeit die besten der Welt gewesen seien. (cyclingnews.com)

Vom Schweizer Arzt Dr. Daniel Blanc wird berichtet, er habe an Virenque, Dufaux und anderen ein neues, überaus teures Injektionsmittel gegen Lungenentzündung und Furunkel in Verbindung mit dem Hersteller getestet (Näheres s. u.).

Erhärtet wird die Vermutung, dass das Testen neuer Medikamente vor deren Markteinführung gängige Praxis ist, durch folgende Aussagen:l

Le Figaro zitiert eine Meinung aus dem französischen Antidopingkomitee CLPD, wonach angenommen wird, dass Dynepo bei einigen Radteams zum Zwecke der Erprobung zum Einsatz kommt (le Figaro, 14.9.2003).

Professor Dr. Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für biomedizinische und pharmazeutische Forschung in Nürnberg-Heroldsberg, spricht in einem Interview mit dem Tagespiegel, 19.10.2003, auch über den Einsatz von neu entwickelten Medikamenten noch während der Testphasen: „Menschenversuche“. Diese Interview bezieht sich auf die Affaire um THG (USA, Oktober 2003), dem Designer-Steroid, entwickelt und vertrieben durch ein Firma, die spezialisiert ist auf Nahrungsergänzungsmittel und die Crème de la Crème des amerikanischen Sports zu ihren Kunden zählte. THG empfahl sich speziell für Hochleistungssportler und konnte nur durch Indiskretion entdeckt werden. Insider vermuten, dass dies nur die Spitze des Eisberges ist, dass noch eine Menge ähnlicher Produkte den Fahndern bislang entgangen sind.

Fahrer-Zitate

Im Folgenden ein paar Zitate zur Mittelbeschaffung von und zu Fahrern, die des Dopings beschuldigt wurden:

Bas Van Dooren, November 2002:

„On the internet you can find all sorts of information,“ he told AD. „Doctors prescriptions? Well in Germany you can get them easily from a chemist. And Germany is close by. I read several articles that the drug can only be traced between three and five days after an injection. The Bo Hamburger affair reminded me that he eventually got away free. I thought then that I could get away with it too. I gambled.“

Van Dooren said that he bought some EPO for 400 euros, and injected it on August 26, six days before the race on Sunday. „However the inspectors were at my door on Friday. I gambled and lost.“ (cyclingnews.com)

Bei Dario Frigo wurde beim Giro 2001 eine Flasche mit der Aufschrift „Hemassist“ gefunden, ein Mittel, dass die Sauerstoffaufnahme des Blutes erhöht. Er gab an, dieses via Internet bestellt zu haben, übergeben wurde es ihm auf dem Mailänder Flughafen. Dafür bezahlte er 1.5 Millionen Lire. Später wurde angeblich festgestellt, dass die Flasche nur Salzwasser enthielt.

Rolf Järmann, September 2000:

„EPO mußte ich mir selber besorgen. Obwohl das heikel war, kam ich in der Schweiz relativ einfach an EPO. Ich ging immer in Apotheken, bestritt also den offiziellen Weg. Mit einem ärztlichen Rezept konnte ich EPO in jeder Apotheke beziehen. Die Apotheker sind nicht blöd, die wussten genau, wofür ich das brauche würde. Beim erstenmal dachte ich zwar, der Mann hinter der Ladentheke würde mich nicht kennen. Doch bereits bei meinem zweiten Besuch sprachen wir übers Velofahren. Die Apotheker äußerten keine Bedenken, die waren froh, dass sie leicht den Umsatz erhöhen konnten. Ich hatte trotzdem immer große Mühe, eine Apotheke zu betreten. Es brauchte dazu mehrere Anläufe, und der Puls war dabei höher als im Training. Wenn im Laden andere Leute standen, kaufte ich einfach Lutschtabletten, ging wieder und versuchte es später wieder. Es war eine Tortur.

Aber ich wollte EPO nicht einfach über eine Relaisstation beziehen. Ich hatte einfach zu große Angst – vor unsauberen Substanzen und dass irgendwann was auffliegen würde.“ Sein vollständiges Geständnis ist hier nachzulesen.

Armin Meier, 1998:

„ Bevor ich zu Festina kam, habe ich mir die Produkte selbst in der Schweiz besorgt, wo der Kauf auf Rezept einfach ist ….“ (France-Soir. 7.9.1998, Vernehmungsprotokoll)

Eine Reihe von Doping-Prozessen hatten nicht nur die Einnahme verbotener Substanzen durch Sportler zum Gegenstand, sondern befassen sich vor allem mit dem Erwerb und Vertrieb dieser Mittel. Dabei wird sehr deutlich, dass das gesamte Problem den Amateurbereich in hohem Maße durchdrungen hat.

Mehr Infos hier: >>> Doping-Prozesse

Kaum eine Affaire, ein Prozess, in den nicht Mediziner eingebunden sind. In allen Diskussionen um Mittelbeschaffung und Verabreichung werden sie als wichtiges Glied in der Kette erwähnt. In den Beiträgen zu den Affairen werden einige benannt und die üblichen Verbindungen aufgezeigt.

Weitere bekannte Fälle sind erwähnt unter >>> Ärzte und Doping

Beitrag von Monika

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