Gäb, Hans Wilhelm: Über Fairplay und mehr

2017 Hans Wilhelm Gäb: Über Fairplay, über taktische Fouls und über den Kampf um sportliche Ideale

Hans Wilhelm Gäb gehörte von 1958 und 1961 der Deutschen Tischtennis-Nationalmannschaft an und leitete als Präsident die Deutsche Tischtennis-Union DTTU von 1981 bis 1984. Auch auf Europäischer Verbands-Ebene war er aktiv. 1994 wurde er zum Ehrenpräsidenten der DTTB ernannt, seit 2015 ist er Ehrenmitglied der ETTU. Von 1981 bis 1994 sowie 2005 gehörte er dem Präsidium des NOK für Deutschland an. Seit 1982 engagierte er sich in Stiftung Deutsche Sporthilfe, ab 1998 als Vorstandsvorsitzender, 2008 als Vorsitzender des Aufsichtsrats und seit 2009 als dessen Ehrenvorsitzender.

Beruflich war er im leitendender Positionen in der Autoindustrie beschäftigt und damit auch im Sportsponsoring.

Hans Wilhelm Gäb erhielt viele Auszeichnungen für seine engagierte, klare und kompromissarme Haltung in Fragen des Fairplays, mit der er immer wieder Aufmerksamkeit, Bewunderung und auch Missfallen erregte.

Hans Wilhelm Gäb hielt den folgenden Vortrag am 8. Juli 2017 vor Studenten im Kaisersaal der Stadt Aachen.

Ich bedanke mich für die Überlassung des Textes. Monika

Über Fairplay, über taktische Fouls und über den Kampf um sportliche Ideale

Guten Abend, meine Herren,

ich möchte heute Abend ein wenig über das öffentliche Bild vom Sport sprechen, über die die Krise, in der der Spitzensport steckt, die Pervertierungen, die er durchlebt, und auch darüber, warum es für die Gesellschaft lohnenswert ist, seine ursprünglichen Ideen zu verteidigen und sich gegen die heute gängigen vereinfachenden Vorstellungen vom Sport zu wehren. Es ist ein Thema, das mich neben meinen beruflichen Tätigkeiten über weite Strecken meines Lebens beschäftigt hat.

„Foulen Sie Ihren Gegner manchmal?“, fragte der Reporter.
„Ja, natürlich, wenn es notwendig ist. Bevor jemand ein Tor schiesst, muss man ihn foulen. …Man muss das Tor verhindern….zum Wettkampf gehört auch ein taktisches Foul.“

Der Mann, der dem deutschen Sport vor einigen Jahren diese Botschaft in einem Zeitungsinterview mit der FAZ überbrachte, war nicht etwa der Trainer einer abstiegsbedrohten Zweitliga-Mannschaft, sondern der Präsident der evangelischen Kirche Hessen-Nassau, Professor Peter Steinacker.

Ich habe damals in einem Leserbrief böse und zynisch reagiert und u. a. geschrieben:

„Kirchenpräsident Steinacker also rechtfertigt, ja, er verlangt das „taktische Foul“ im Sport. Beim Fußballspiel foult er seinen Gegner, „wenn es notwendig ist“. Notwendig ist es aber immer nur, wenn sich der Gegner- regelgerecht – einen Vorteil erspielt hat.

Herr Steinacker lehrt in seinem Beitrag junge Leute ganz ungeniert, den Sieg grundsätzlich für wichtiger zu halten als die Beachtung der Regeln. Dem Gegner geschickt die Beine wegziehen, das Finanzamt um ein paar Scheine betrügen, der Versicherung die Schadenssumme ein Quäntchen erhöhen, den Kollegen ein klein wenig anschwärzen – wohl alles nur taktische Fouls im Lebenskampf.

Ist das eine Empfehlung der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau?“

Meine Damen und Herren, das war im Jahre 2001, mit dem später sehr aufmerksam zuhörenden Kirchenfürsten habe ich mich nach meiner bewusst emotionalen Attacke bei einem Glas Bier ausgesprochen.

Damals, zu Beginn des neuen Jahrtausends, hatte die schleichende Unterminierung des Begriffs Sport jedenfalls längst begonnen.

Der Sieg war längst wichtiger als die Beachtung der Regeln. Eine Denkweise gewann an Boden, die bewussten Regelverletzungen Legitimität verschaffte, notfalls mit Tarnbegriffen wie dem taktischen Foul, in dem das Adjektiv taktisch dem Tatbestand Foul geschickt den Mantel der Legitimität umhängt.

Ob wir eines Tages Begriffe wie taktischer Diebstahl oder taktische Steuerhinterziehung einführen?

Liebe Zuhörer, das unaufhörlich steigende Nachrichten-Volumen steht in immer schärferem Gegensatz zur Aufnahmefähigkeit der Menschen. Und deren Fluchtweg aus diesem Dilemma ist nicht die Differenzierung sondern mehr denn je die Simplifizierung von Eindrücken und Vorstellungen.

Ganz abgesehen von der um sich greifenden Verharmlosung von Regelverletzungen – dieser Simplifizierung zum Opfer gefallen ist auch der Begriff Sport. Die im Scheinwerferlicht der Fernsehkameras ablaufenden Aktivitäten einiger tausend hoch bezahlter Athleten decken heutzutage in der Vorstellungswelt der meisten Mitmenschen den gesamten Begriff Sport ab.

Längst überlagern Bild und Charakter einiger Profi-und Fernsehsportarten den hunderttausendfach größeren Bereich des Freizeit,- Hobby- und Breitensports, in dem aber viele Millionen Menschen nach völlig anderen Kriterien zu Spiel, Training oder leistungsbetontem Wettkampf zusammenkommen.

Der bezahlte Spitzensport ist zu einem gigantischen Spektakel geworden. Nicht zuletzt seine marketingartige Promotion selbst durch öffentlich-rechtliche Fernseh-Medien – beispielsweise im Fußball, bei der Tour de France, bei der Formel 1, beim Ski-Springen, Biathlon oder Boxen – macht ihn in Deutschland mit Abstand zur Unterhaltungsbranche Nr. 1.

Sport, darunter versteht man heute die tatsächlichen und vermeintlichen Sonnenkinder dieser Welt, die Stars von gestern und heute.

Namen wie etwa Manuel Neuer und Vitali Klitschko, Lothar Matthäus und Felix Neureuther, Sebastian Vettel und Angelique Kerber, Thomas Müller und Boris Becker, Franziska van Almsick, Britta Heidemann oder Matthias Steiner.

Sport, – dafür stehen heute Begriffe wie Real Madrid und FC Barcelona, Borussia Dortmund und Bayern München, Ferrari und Mercedes, Champions-League und Formel 1.

In solchen Begriffen klingen die Opern des Sports, die großen Dramen um Sieg und Niederlage. Sie werden begleitet vom Interesse eines riesigen Publikums, das sich in einer für gewöhnlich ja programmierten Unterhaltungs-Welt von der Authentizität und Unberechenbarkeit des Wettkampfs faszinieren lässt, nach Brot und Spielen, nach Helden und Verlierern verlangt.

Sport – das ist heute die Vorstellung von Geldranglisten, vom Kampf um Millionen und vom Big Business, von zunehmend tolerierter Rücksichtslosigkeit, Existenz-Kampf, Entertainment und Zirkus – das alles in einem Raum mit immer weniger moralischen Wertvorstellungen.

Anfang des Jahres las ich die Erklärung eines Bundesliga-Trainers, dessen Mannschaft sich durch eine Schiedsrichterentscheidung benachteiligt fühlte. Der Mann sagte allen Ernstes: „Wir haben alles gegeben, wir haben gekratzt, gespuckt, gebissen und wie die Schweine gekämpft – und dann hat uns dieser Herr alles versaut!“

Der Sport jedenfalls, den andere meinen, der Sport nicht der Millionäre, sondern der Sport der Millionen, etwa in den Vereinen des Deutschen Olympischen Sport Bundes, er spielt in der Vorstellungswelt des Publikums inzwischen nur noch eine untergeordnete Rolle.

Seine Prinzipien von Anstand, Kameradschaft und Respekt vor dem anderen – es gibt sie noch täglich millionenfach an der Basis des Sports, aber sie sind nicht mehr im öffentlichen Bewusstsein.

Die heutigen Vorstellungen vom Sport und damit auch der gesellschaftliche Stellenwert des Sports schlechthin verbinden sich mehr und mehr mit dem Flair einer spannenden Unterhaltungs-Industrie.

Die Stars fungieren in der öffentlichen Bewertung mal als Helden und mal als Absahner, mal als Versager und mal als „Scheiß-Millionäre“, jedenfalls aber als Aufreger, Auflagen- und Quotenmacher.

In eine Analyse der Situation müssen wohl viele Bereiche einbezogen werden, z. B. die Mechanismen der Medien, die Verhaltensmuster von Sponsoren und Wirtschaft, die Handlungsweise des IOC und nicht zuletzt die Doping-Kriminalität.

IOC

Betrachten wir das Internationale Olympischen Komitee, das sich historisch als eigentliche Hüterin der sportlichen Ideale darstellt. Diese Ideale des Sports liegen in der Verpflichtung, die Regeln zu achten, Gleichberechtigung im Wettkampf zu garantieren und das Streben nach Leistung auf der Basis von Regeltreue, Solidarität und Fairplay zu ermöglichen.

Doch statt sich der Aufgabe anzunehmen, diese Ideale zu schützen und zu hüten, entdeckte das IOC erst einmal die Reize eines globalen Sponsorship-Geschäfts, hantierte bald mit Milliarden und begab sich in die Abhängigkeit von Wirtschaft und Politik.

Sie erinnern sich alle an die Geschehnisse bei den olympischen Spielen in Rio, als das IOC nicht die Kraft aufbrachte, das dokumentierte russische Staatsdoping zu sanktionieren, wohl aber die russische Läuferin Julia Stepanowa, die russischen Dopingmethoden aufgedeckt hatte, am Start hinderte. Damals gab ich den mir 2006 vom IOC verliehenen olympischen Orden im Protest zurück und erklärte öffentlich:

«Ich möchte nicht die Auszeichnung einer Organisation tragen, welche die Ideale des Sports verrät.“

Nach Rio verlieh die Deutsche Doping-Opfer-Hilfe in Berlin im Beisein von Verlegerin Friede Springer und Marianne Birthler, der ehemaligen Chefin der Gauck-Behörde, Frau Stepanowa einen Preis für ihren Kampf gegen Doping, und ich war gebeten worden, dort auf die Russin eine Laudatio halten.

Die russische Athletin hatte eine Fülle von schlagenden Beweismitteln über das flächendeckende Doping in Russland in den Westen geschmuggelt u. a. Filmaufnahmen ihrer Nationaltrainer bei der Verteilung von Doping-Mitteln.

In einem Gespräch mit dem ARD-Reporter Hajo Seppelt erklärte sie, dass Doping in ihrem Land wie etwas Normales behandelt wird und führte wörtlich aus, was passiert, wenn ein russischer Sportler im Ausland mal durch die Doping-Kontrolle fällt:

„Die Trainer nehmen ein beliebiges talentiertes Mädchen, füttern sie mit Tabletten und sie läuft dann. Und morgen wird sie gesperrt und dann sagen sie, wir finden ein neues. Sie füttern sie und sagen: ‚Ja, nehmt das, alle nehmen das. Nimm diese Substanzen.‘ Und wenn einer erwischt wird, schmeißen sie den Sportler weg und nehmen einen neuen.“

Mit dem damaligen Kniefall vor Russland und Putin verursachte das IOC weltweit Empörung.

Die spanische Zeitung Marca“ formulierte mit äußerster Härte:

„Das IOC hisst die Fahne Russlands!“

Und US TODAY, die grösste Zeitung der USA, schrieb damals:

„Das IOC hat seine Seele verkauft. Schlimmer noch: Es hat all jene sauberen Athleten verkauft, die sich nach Rückendeckung in schwierigen Zeiten sehnen. Und mit ihnen gemeinsam auch die Frau, die mutig genug war, Russlands schmutzige Geheimnisse aufzudecken.“

Als ich in Berlin sprach, waren die aus Russland in die USA geflüchteten Julia Stepanowa und ihr Mann Vitali aus Angst vor Agenten nicht nach Deutschland gekommen, sondern per Satellit live auf einer Großleinwand zugeschaltet.

Vor Augen und Ohren der Stepanowas entschloss ich mich, den deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach in den Mittelpunkt einer scharfen Kritik zu stellen, und zog zum Schluss meiner Ausführungen eine bittere Bilanz:

„Das IOC hat Respekt, Achtung und Autorität verloren, der Sport hat keine moralische Instanz mehr.“

Als ich danach Thomas Bach bei den TT-WM in Düsseldorf vor sechs Wochen zum ersten Mal wieder traf und ihm bei einem privaten Abendessen gegenübersaß, umgingen wir das Thema, aber in einer passenden Situation sagte er: „Eines muss ich Dir lassen, Hans, ein schlechtes Gewissen, das kannst Du einem machen.“

Ich überlege noch, ob das eine subtile Art von Gesprächsangebot war. Irgendwann werden wir sicher reden, denn ich kenne Bach seit fast 30 Jahren und bin mir schon bewusst, welche Seiltänze ein IOC-Präsident vollführen muss, um bei all den Feindseligkeiten in der Welt Interessensgegensätze unter den Sportorganisationen auszugleichen.

In Rio jedenfalls ist der Seiltänzer abgestürzt.

Sponsoren, Vetreter der Wirtschaft

Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Integrität des Sports wird Sponsoren und Vertretern der Wirtschaft zuweilen die Frage gestellt, ob denn um Integrität bemühte Industriefirmen und ihre Manager durch den Entzug von Geld und Sponsorship die Rückbesinnung auf die eigentlichen Werte des Sports herbeiführen könnten.

Dies würde natürlich bedingen, dass die Industrie in einem nach ethischen Prinzipien ablaufenden Sportbetrieb einen besseren Partner sehen würde als in einem rein geschäftsorientierten.

Als Vorstand von Opel habe ich Mitte der 80er Jahre versucht, Sportsponsoring nach gewissen Prinzipien zu steuern. Als wir Bayern München verpflichteten, AC Mailand oder Steffi Graf, da hatte ich mit Männern wie Uli Hoeness, Silvio Berlusconi oder Peter Graf ausgebuffte Verhandlungspartner. Aber diese Leute hörten aufmerksam zu, als ich Opels Sponsoring-Grundsätze erklärte. Darin stand u. a. :

1. Wir lassen dem Sport seine Würde, seine Eigenständigkeit und seine innere Autonomie.

Denn wer den Sport in die Abhängigkeit treibt, wird bald einen Sklaven an seiner Seite haben, nicht aber einen lebendigen und dynamischen Partner, mit dem zusammen gesehen zu werden Interesse und Sympathie weckt.

2. Wir investieren in den Sport nicht, weil wir glauben, Erfolg und Siege ließen sich kaufen.

Für uns besteht die Faszination des Sports auch darin, daß einer verliert. Auf der Seite eines anständigen Verlierers zu sein, der sein Bestes gegeben hat, ist für unser Unternehmen keine Schande.

3. Wir versuchen dem Sport zu helfen, die Spielregeln zu achten und Begriffe wie Fairneß und Anstand im Kampf hochzuhalten.

Wir glauben, dass die Sehnsucht der Menschen nach ein wenig Ritterlichkeit und Sportgeist größer ist als viele denken, und wir glauben, dass ein Unternehmen erst dann aus der Partnerschaft mit dem Sport Nutzen ziehen kann, wenn dieser Sport Werte ausstrahlt.

4. Wir wollen dem Sport gegenüber nicht als Oberlehrer auftreten.

Wir wissen, dass ein Scheck in der Hand weder intellektuelle noch fachliche Überlegenheit begründet.

Unser guter Wille, Geschäft und Sport auf anständige Weise miteinander zu verbinden, wurde auf die denkbar härteste Probe gestellt, als sich herausstellte, dass Steffi Graf in die Hände undurchsichtiger Geschäftsleute geraten war, ihr Vater als Steuerbetrüger vor Gericht musste und die selbst wohl ahnungslose Steffi sich aus dem Netz dieser Abhängigkeiten nicht befreien konnte.

Wir entschlossen uns, den Werbevertrag mit der besten Tennisspielerin aller Zeiten zu kündigen, und auf ein Wort der Anerkennung für Opels Haltung fielen zumindest zehn üble Beschimpfungen.

Heute fühlen nur wenige Investoren, dass der Sport als reines Geschäft und als Spektakel ohne Moral an Faszination verliert und damit auch an Werbewerten.

Deswegen ist es illusorisch zu glauben, die Wirtschaft insgesamt werde sich gegenüber prinzipienlosen Funktionären oder in einem zum Showbusiness mutierenden Sport als Ordnungsfaktor erweisen.

Für Konzerne, die sich im Wettbewerb gegenüberstehen und sich letztlich allein ihrem wirtschaftlichen Nutzen verpflichtet fühlen, ist solidarisches Handeln im Interesse moralischer Werte meinen Erfahrungen nach nicht vorstellbar.

Wenn adidas oder Visa beim IOC aussteigen, dann werden Nike und American Express zur Stelle sein

Medien

Was kann der Sport, wenn es um seinen Stellenwert und sein Image geht, von den Medien erwarten?

Gibt es in Fernsehen und Presse Tendenzen, den Begriff Sport wieder zu differenzieren und ihn als positiv besetzten sozialen Wert der Glitzerwelt des bezahlten Profisports zumindest gegenüber zu stellen und so im öffentlichen Bewusstsein zu halten?

Auch die Lieferanten der Nachrichten, die Medien, arbeiten gewinnorientiert und sind durchweg an wirtschaftliche Erfolgszwänge gekettet. Und so haben Medien aller Art es sehr früh erkannt:

in einer Welt, die nach Unterhaltung, Ablenkung und Kurzweil schreit, ist der Sport, ein paar bestimmte Varianten des Profi-Sports natürlich, ein einzigartig wertvolles und mit unerschöpflichen Emotionen aufgeladenes Produkt, das sich an ein Massenpublikum prächtig vermarkten lässt.

Bei dieser Art von Vermarktung bleiben die Prinzipien und die Vielfalt des Sports auf der Strecke. Die Medien folgen wirtschaftlichen Zwängen. Nur noch wenige, zum Teil willkürlich als fernsehtauglich und verkäuflich getrimmte Sportarten finden den Weg auf den Bildschirm und damit in eine breite Öffentlichkeit.

Die Nutzung der Ware Sport durch die Medien folgt dem Diktat von Nachfrage, Auflage und Einschaltquote.

Und das begann schon in den sechziger Jahren. Ich war als sehr junger Reporter und Auto-Fan am 7. April 1968 am Hockenheimring, als Formel 1-Weltmeister Jim Clark dort tödlich verunglückte. Ich war wirklich erschüttert und rief mit Tränen in den Augen meinen Chefredakteur in Düsseldorf an. Seine Reaktion werde ich nie vergessen: „Mensch, Hans Wilhelm, das ist ja eine ganz tolle, große Sache! Das nehmen wir auf Seite 1!“

Meine Damen und Herren, um Nachfrage zu erzeugen und Nachfrage zu befriedigen, werden die Medien damit fortfahren, das Gesicht des Sports zu schminken und seine Abläufe künstlich zu dramatisieren.

Niederlagen werden zu Pleiten oder Blamagen.

Zweite Plätze sind etwas für Versager.

Anständige Verlierer erwartet nicht Respekt, sondern vielfach Häme.

Strikte Einhaltung der Regeln gilt zuweilen schon als Nachweis von Unbedarftheit und mangelndem Professionalismus.

Die Dramatik der Medien-Situation wird deutlich, wenn man in diesem Zusammenhang die Richtlinien des „Verbandes Deutscher Sportjournalisten“ liest.

Darin werden u.a. gefordert: „Aufrichtigkeit, Feingefühl, Wahrhaftigkeit, Sachlichkeit und Fairness in der Berichterstattung“.

Doping

Meine Damen und Herren, schwerer wiegend noch als die hier geschilderten Gefahren für den Sport ist aber das Doping. Doping ist der elementarste Verstoß gegen alle Prinzipien des Sports, ein Mörder der sportlichen Idee. Er vernichtet diese Idee im Dunklen.

Ebenso wie Ruhm- und Gewinnsucht bestimmt heute auch nationalistischer Ehrgeiz die Dimension dieses Betrugs. Russland ist ja nur das jüngste Beispiel.

Juliana Stepanowa sagte dazu:

„Das Ziel unseres Staates ist es zu beweisen, dass Russland größer und besser ist als jedes andere Land auf der Welt. Auf jedem Gebiet. Der Präsident, das Ministerium, die Anti-Doping-Agentur: alle wissen, dass das oberste Ziel ist, Medaillen zu gewinnen“.

Im kalten Krieg war es der Staatssport der DDR mit seinen Funktionären, Trainern und Medizinern, der dem Westen mit Erfolgen im Sport die Überlegenheit seines Gesellschaftssystems demonstrieren wollte. Heute erst wird offenkundig und bewiesen, dass auch im Westen unter Duldung von Staat und Sportfunktionären gedopt und betrogen wurde, wenn auch ohne Zwang für den einzelnen Sportler.

Doping, das heißt Betrug, Diebstahl und Bereicherung auf Kosten von anderen – also Handlungen, die in anderen Bereichen des Lebens selbstverständlich dem Strafrecht unterliegen.

Doch Doping wuchert, und es bringt den Sport vor allem bei einer ganz besonderen Elite der Gesellschaft in Misskredit bringen – bei den Eltern unserer Kinder.

Die schicken ihre Kinder nämlich deswegen in Sportvereine, weil sie darauf vertrauen, dass sie dort etwas für ihre Gesundheit tun, dass sie sich dort über der Freude an Sport und Spiel auch an Ordnungsprinzipien gewöhnen, Achtung und Respekt vor denen entwickeln, die aus anderen Verhältnissen kommen, anders denken, anders leben oder andere Hautfarben haben.

Angesichts der fließenden Übergänge zwischen Hobbysport, Breitensport, Wettkampfsport, Hochleistungssport und Profisport scheint es sicher:

Wenn das Doping nicht limitiert wird, wird es wie ein Krebs den gesamten Sport durchwuchern, denn gefährlicher Ehrgeiz und die Versuchung zur Manipulation finden sich naturgemäß auf allen Leistungsebenen. Und selbst wenn in großen Städten Marathonläufe mit tausenden von Teilnehmern ablaufen, können Sie sicher sein, dass darunter Amateure sind, die ihrer Leistungsfähigkeit mit Hilfe von Medikamenten aufgeholfen haben.

Ausgerechnet in einer Zeit, in der der Deutsche Olympische Sportbund den Ansehensverlusten des Sports scheinbar ohne Konzept gegenübersteht, hat er sich im Rahmen seiner neuen Spitzensportreform zusammen mit dem Innenministerium entschlossen, auf die Karte „Mehr Medaillen“ zu setzen. Er stärkt damit den Eindruck in der breiten Öffentlichkeit, dass es im Sport vor allem um Siege und Erfolgszahlen geht.

Die Konzentration aller Anstrengungen und Fördergelder auf Medaillengewinne bei Olympischen Spielen folgt einem Denkmuster, das in der DDR weite Bereiche des Breitensports hat verkümmern lassen und in dem die Bedeutung des Breitensports als essenzielle Basis der Elite und als soziales Kapital für das Land vernachlässigt wurde.

Vereins- und Breitensport

Die Investition von Steuergeldern in den Hochleistungssport ist nützlich, weil Athleten mit Haltung und Persönlichkeit – denken Sie an Namen wie Steffi Graf, Dirk Nowitzki, Michael Schumacher, Timo Boll oder Bernhard Langer – den Ruf Deutschlands weltweit positiv beeinflussen.

Der deutsche Fahnenträger in Rio, Tischtennismeister Timo Boll, dem ich seit zwanzig Jahren zur Seite stehe, ist unter 1.3 Milliarden Chinesen der vermutlich bekannteste Deutsche überhaupt –begründet durch Erfolge gegen die Chinesen, die besten Spieler der Welt, durch Haltung in Sieg und Niederlage und durch Fairness im Kampf.

Der Deutsche Generalkonsul in Shanghai schrieb mir 2013 in einem Brief:

„Herr Boll hat die Herzen der Chinesen gewonnen. Er hat sich als inoffizieller Botschafter Deutschlands in der chinesischen Gesellschaft etabliert und ist in China ein außergewöhnlicher Sympathieträger für unser Land.“

Die Investition der Gesellschaft in den Hochleistungssport muss aber vor allem durch den Umstand politisch legitimiert werden, dass der Hochleistungssport der Wenigen den für die innere Stabilität des Landes entscheidend wichtigen Breitensport der Millionen in den rund 90.000 deutschen Sportvereinen beflügelt.

Diese Vereins- und Breitensport-Strukturen sind vermutlich die wichtigsten gesellschaftspolitischen Stabilisatoren in einer dem Miteinander verpflichteten Republik. Diese Vereine stehen wie nichts anderes für dieses soziale Miteinander und sind heute in der Menge das stärkste Bollwerk gegen die Verachtung anderer Rassen und Kulturen.

Hoffnung auf ein Miteinander von Leistung, Faiply, Anstand, Gerechtigkeit

Meine Herren, es bedarf keiner Frage, dass der Sport als globale Unterhaltungsindustrie idealistischen Ansprüchen nicht genügen kann.

Der Sport in seiner Gesamtheit aber muss sich der dort praktizierten Pervertierung seiner Ideale widersetzen, seine Führer müssen Flagge zeigen. Nicht als Moral-Apostel und nicht in dem illusionären Glauben, der Sport könne eine makellose Insel der Ehrlichkeit und des Anstands sein. Wohl aber als Kämpfer für das Fairplay, als Verteidiger eines Lebensbereichs, der seine gesellschaftliche Bedeutung letztlich allein der Kraft seiner Ideale und Prinzipien verdankt.

20 Millionen sportlich aktive Mitglieder in den Vereinen des DOSB sind am Ende wichtiger als 1000 Superprofis oder 80 000 passive Zuschauer im Fußball-Stadion. Und diese 20 Millionen, die bilden den Kern der deutschen Sportbewegung.

Der Sport, gestützt auf dieses Millionen-Heer, kann immer noch aus eigener Kraft seine Ideale verteidigen und auch seine Unabhängigkeit.

Meine Herren, die ewige Hoffnung der Menschheit auf ein wenig Fairness, auf ein wenig Anstand und auf ein wenig Gerechtigkeit im Lebens-Kampf hat sich immer auch am Beispiel des Sports festgemacht. So lautet das Motto der Deutschen Sporthilfe: Leistung, Fairplay, Miteinander.

In diesen drei Begriffen ist die Vorstellung vom echten Sport zusammengefasst.

Und wer der wirklichen Idee des Sports folgt und sie verteidigt, der hat auch feste Vorstellungen von der Fairness im Alltagsleben.

Nur eine Leistungsgesellschaft, in der über Moral nicht gelacht wird, nur eine Leistungsgesellschaft, in der die Prinzipien des Sports lebendig bleiben, nur die, glaube ich, wird am Ende eine menschliche Gesellschaft bleiben.

Hans Wilhelm Gab