2000 Interview Manfred von Richthofen, DSB-Präsident

Manfred von Richthofen im F.A.Z.-Sportgespräch:
„Bei der Doping-Bekämpfung wird noch zuviel weggesehen“

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.12.2000 *

„Seit sechs Jahren führt Manfred von Richthofen als fünfter Präsident in fünfzig Jahren den Deutschen Sportbund. Seither hat er Politiker von Rang und Namen, gleich welcher Couleur, auf die Ansprüche und Nöte seines Verbandes hingewiesen, meistens höflich, aber stets bestimmt. Türen öffnen sich für den Berliner dank seiner guten Kontakte. Der Sportpädagoge sitzt in rund zehn Bei- und Aufsichtsräten. Beteiligungen an Spielbanken erlauben es dem 66jährigen, sich mit Haut und Haaren dem Präsidentenamt zu widmen. Der Neffe des berühmten Kampffliegers im Ersten Weltkrieg hat vor allem über seine Freude am Feldhockey zum Sport gefunden. In zwei Jahren endet seine zweite Amtszeit.“


* Anmerkung: Das Gespräch fand im Zusammenhang mit dem 50 jährigen Jubiläum des DSB statt. Zu diesem AQnlass verabschiedete der Bundestag des DSB am 9. Dezember 2000 in Hannover ein Leitbild des deutschen Sports, in dem das Dopingproblem aber mit keinem Wort angesprochen wird. Lediglich der Begriff Fairply wird kurz erwähnt. Von Richthofens Äußerungen im Interview deuten jedoch Probleme an.
>>> Einheit in der Vielfalt – Leitbild des deutschen Sports – Stolz auf das Erreichte, 9.12.2000


Zitat aus dem Interview zum Thema Doping:


Der Bund als Geldgeber fordert Erfolg, verlangt aber im Einklang mit dem organisierten Sport einen Verzicht auf Dopingmittel. Andere Länder sind auf diesem Gebiet weniger zimperlich, vor allem was die Trainingskontrollen betrifft. Zugleich sollen Olympiastützpunkte geschlossen und die Fördermittel von 2002 an gekürzt werden. Wie paßt das alles zusammen?
Wir haben die Hoffnung, daß sich die Erkenntnisse in der Dopingbekämpfung in aller Welt durchsetzen werden. Überall muß es systematische Kontrollen im Trainingsprozeß geben. Die neue Anti-Doping-Weltagentur ist ein richtiger Schritt, um mehr Chancengleichheit zu ermöglichen. Ich erwarte allerdings einen noch größeren Druck von seiten des Internationalen Olympischen Komitees. Wer sich auf Dauer den regelmäßigen Kontrollen im Trainingsprozeß verweigert, hat kein Recht, an den Olympischen Spielen teilzunehmen.

Ist die Anti-Doping-Bekämpfung nicht ein hoffnungsloser Fall? Selbst Deutschland ist ja nicht frei von eklatanten Dopingskandalen, wie die Fälle Baumann und Leipold zeigen?
Also dieser hoffnungslose Fall ist aus meiner Sicht auch bei Verkehrsrasern oder Drogenabhängigen gegeben. Wir müssen diesen Kampf nicht nur wegen der Wettkampfverzerrung aufnehmen, sondern auch im Interesse einer Vorbildfunktion des Spitzensports für die gesamte Kinder- und Jugendarbeit. Wir haben zahlreiche Anrufe von Eltern bekommen, die uns nach den diversen Dopingvorgängen fragten, ob sie ihre Kinder unseren Trainern noch anvertrauen könnten.

Beim Aufbau eines Kontrollsystems ist der DSB erfolgreicher gewesen als bei der Aufarbeitung der Vergangenheit. Die Dopingaufklärung in den vergangenen dreißig Jahren ist vorwiegend von Privatpersonen angestoßen worden und hat darüber zu einer gerichtlichen Klärung geführt. Ist das nicht eine Niederlage des autonomen Sports, der ein Jahrzehnt lang seine Selbstreinigungskraft beschworen hat?
Eine gerichtliche Aufarbeitung kann der Sport nicht vornehmen. Wir haben Beschlüsse gefaßt, daß Trainer, denen in der Vergangenheit Verfehlungen nachgewiesen wurden, nicht mehr bei uns arbeiten dürfen. Das gleiche gilt für Ärzte und Funktionäre. Ich weiß bestens, wie viele nach der Zusammenführung der beiden deutschen Staaten ausgeschieden sind, und Sie wissen genausogut wie ich, daß eine Reihe von diesen in Deutschland nicht mehr beschäftigten Trainern ein glänzendes Auskommen im Ausland gefunden haben.

Wir wissen aber auch, daß – nur ein Beispiel – der Deutsche Schwimmverband einen Trainer wieder einstellen mußte, weil in dessen Arbeitsgerichtsprozeß festgestellt wurde, daß die Doping-Belastungen des Mannes schon vor seiner Einstellung bekannt waren, also Jahre später nicht als Kündigungsgrund taugten. Insofern haben Fachverbände die Vorgaben des DSB schlichtweg ignoriert.
Es mag sein, daß nicht jeder Verband unsere Beratung umgesetzt hat. Der DSB hat aber nichts unversucht gelassen.

Wenn der Sport sich selbst kontrolliert, entstehen zwangsläufig Interessenkonflikte. Zeigt die Entwicklung nicht, daß nur noch mit Hilfe des Staates das Kulturgut Sport gerettet werden kann?
Sie spielen auf ein Antidoping-Gesetz an, von dem viele meinen, es beseitige alles Übel. Ich habe eine Vereinbarung getroffen mit Bundesinnenminister Otto Schily. Er will uns im kommenden Frühjahr darüber Auskunft geben, inwieweit das verschärfte Arzneimittelgesetz, das eine Bestrafung bei der unentgeltlichen Weitergabe von Dopingmitteln vorsieht, anwendbar ist. Wenn sich herausstellen sollte, daß das Gesetz nicht weiterhilft, muß man sich ernsthaft Gedanken machen, ein Anti-Doping-Gesetz zu verabschieden. So ein Gesetz, das vielleicht auch die Einnahme von Dopingmitteln wie in Italien unter Strafe stellen würde, ermöglichte ein radikaleres Vorgehen gegenüber den Übeltätern.

Die an der Front kämpfenden Staatsanwälte sind vielleicht schon ein bißchen weiter als das Bundesinnenministerium. Jedenfalls haben einige vor einigen Wochen erklärt, daß das Arzneimittelgesetz durchaus ausreichen würde, wenn …
… Anzeigen erstattet würden. Das passiert nicht. Deshalb ist es so wichtig, die Dopingvergehen als moralisch verwerflich zu brandmarken. Das muß unsere Gesellschaft verinnerlichen. Solange es immer noch die Verharmloser und die Verniedlicher gibt, so lange werden wir Probleme haben, diese Vorgänge anzuzeigen. Es wird zuviel weggesehen.

Heißt das, der DSB ist mit seiner Anti-Doping-Pädagogik nicht durchgedrungen?
Das kann nicht allein unsere Aufgabe sein. Es gibt nach wie vor Bürgerinnen und Bürger, das wissen wir auch durch Umfragen, die diese Dopinggefahr neben der Gefährdung des Kulturgutes Sport nicht als eine wirkliche Gefahr auch für die Volksgesundheit anerkennen. Hier sind alle Mitglieder der Gesellschaft gefragt. Aber wir spielen gerne den Vorreiter.