2022 Paoli et al.: Doping für Deutschland –
Forschung und Doping

Paoli: Doping für Deutschland – Zusammenfassung einzelner Kapitel:

Inhalt, Vorwort, Leseprobe „Doping für Deutschland
Kap. 4: Forschung und Doping
Kap. 5: Widerstände und Verantwortung, Teil 1
Kap. 5: Widerstände und Verantwortung, Teil 2
Kap. 6: Fazit

Kapitel 4: Forschung und Doping

Bereits unter Leitung von Hans Joachim Schäfer wurde die Erfassung der wissenschaftlichen Aktivitäten und Veröffentlichungen der Abteilung Sportmedizin ein zentraler Arbeitsschwerpunkt der Evaluierungskommission. Diese Aufgabe übernahm Prof. Bengt Saltin (Universität Kopenhagen).

„Saltin, ein weltbekannter schwedisch-dänischer Physiologe und Antidopingexperte, war ein Zeitgenosse von Keul und hatte seit den 1970er Jahren die Arbeit der Freiburger Abteilung aus der Ferne verfolgt, da sein Doktorvater einen regen Austausch mit Prof. Keuls Doktorvater, dem Gründer der Freiburger Sportmedizin Prof. Herbert Reindell, pflegte.“

Saltins Gutachten wurde von der Universität nicht veröffentlicht.

Prof. Wolfgang Jelkmann (Universität Lübeck), ebenfalls Kommissionsmitglied der ersten Stunde, befasste sich mit einer bibliometrischen Auswertung der sportmedizinischen Publikationen. Sein 2008 verfasstes Gutachten wurde 2016 veröffentlicht:
>>> Jelkmann: Evaluierung der Veröffentlichungen aus der Abteilung für Präventive und Rehabilitative Sportmedizin der Medizinischen Klinik und Poliklinik der Universität Freiburg im Zeitraum 1973–2006.

„Prof. Wilhelm Schänzer (Deutsche Sporthochschule Köln) erstellte 2008 einen dreieinhalbseitigen Entwurf eines Gutachtens zu den an der Abteilung Sportmedizin erstellten Habilitationen. Dr. Hellmut Mahler (LKA Düsseldorf) übernahm die Analyse der über 350 zwischen 1970 und 2007 verteidigten Doktorarbeiten. Zwei andere Kommissionsmitglieder wurden 2007 separat damit beauftragt, die an der Abteilung seit ihrer Gründung (1974) abgeschlossenen Habilitationen und Doktorarbeiten zu bewerten. Aufgrund der beträchtlichen Anzahl der Doktorarbeiten konzentrierte er sich auf jene Arbeiten, die sich mit Doping und anderen leistungssteigernden Substanzen oder Methoden befassten. Der Entwurf zu seinem Gutachten bestand aus über 20 Seiten. Weder der Text von Schänzer noch der von Mahler wurden von der Universität Freiburg veröffentlicht.“

Die Kommission unter Leitung von L. Paoli setzte durch, dass Personenbefragungen möglich wurden. So ergab sich, dass inhaltliche Überschneidungen zwischen einer Habilitation und Doktorarbeiten an der Abteilung Sportmedizin entdeckt wurden, die einen Plagiatsverdacht aufkommen ließen.

„Diese unerwarteten Entdeckungen führten seitens der Kommission zu einer systematischen vergleichenden Analyse der 15 Habilitationen, die zwischen 1974 und 2007 in der Abteilung abgeschlossen wurden, und der dazugehörigen Doktorarbeiten. Diese vergleichende Analyse förderte verdächtige Übereinstimmungen bei fünf anderen Habilitationen zutage.“

Die neu ernannten Kommissionsmitglieder Prof. Dr. Hans Hoppeler (Universität Bern) und Prof. Dr. Dr. Perikles Simon (Universität Mainz) übernahmen die umfangreiche Bewertung der Veröffentlichungen, Habilitationen und wissenschaftlichen Arbeiten der Abteilung Sportmedizin.

Die von Simon und Hoppeler durchgeführte Analyse ergab,

„dass an der Sportmedizin Freiburg nicht nur Sportler mit unerlaubten Methoden manipuliert wurden, sondern dass dies auch in einer Mehrzahl von Fällen mit wissenschaftlichen Publikationen passierte.“

Abschnitte 2. – 8.

Die Autoren beschreiben in den folgenden Abschnitten des Kapitels 4 „wichtige Hintergrundinformationen zur Entwicklung der Abteilung Sportmedizin unter Keul“ und „die für die Bewertung nötigen ethischen Standards“ und nehmen eine kurze  Bewertung vor.

Des Weiteren werden Ergebnisse der Analysen von Saltin und Jelkman vorgestellt.

Anschließend stellen sie Daten und Erkenntnisse vor, die von Kommissionsmitgliedern unter Leitung L. Paolis gesammelt und analysiert wurden.

„Abschnitt 5 konzentriert sich auf das Thema Habilitation und beschreibt die Entdeckung von verdächtigen Übereinstimmungen in sieben von 15 an der Abteilung angefertigten Habilitationen und Konsequenzen, welche die Universität Freiburg aus dieser Entdeckung gezogen hat. Abschnitt 6 stellt die Schlüsselaussagen des einzigen ehemaligen Abteilungsmitarbeiters vor, der offen über Keuls nachlässige Haltung zur Forschung und die wissenschaftlichen Praxen mit der Kommission gesprochen hat. Die besorgniserregenden Aussagen dieses Arztes konnten durch eine von Simon und Hoppeler durchgeführte vergleichende Beurteilung der gesamten Publikationen nicht widerlegt werden.“

Abschnitt 7 bespricht im Allgemein unsere Befunde, gefolgt vom Abschnitt 8, der den Umgang der Universität Freiburg mit unseren Befunden einschließlich der Pressemitteilung vom 04. Oktober 2021 zusammenfasst. Mit dieser Pressemitteilung hat die Universität bekannt gemacht, dass »kein wissenschaftlich unredliches Verhalten« bei drei Beschuldigten und nur »wissenschaftliches Fehlverhalten minderen Gewichts« bei einem weiteren Beschuldigten festgestellt werden konnte (Universität Freiburg, 2021). Aufgrund dieser Pressemitteilung und aufgrund des Persönlichkeitsschutzes verzichtet Abschnitt 7 auf die Besprechung von konkreten Beispielen, die unsere schwerwiegendsten Vorwürfe der Datenauswahl und -manipulation untermauern könnten. Das Kapitel schließt mit einem Fazit ab, das die wiederholten Verstöße gegen die wissenschaftliche Ethik innerhalb der Abteilung Sportmedizin Keuls Streben nach Erfolg in Sport und Wissenschaft um jeden Preis zuschreibt.“

Im Folgenden wird auf eine ausführlichere Vorstellung der Ausführungen verzichtet, sie würde den Rahmen dieser Buchbesprechung sprengen. Es empfiehlt sich das Studium des Originaltextes.

9. Fazit

„Ein Teilauftrag der Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin bestand in einer Beurteilung der Forschungstätigkeit und wissenschaftlichen Bedeutung der Freiburger Sportmedizin. … Gemessen an der wissenschaftlichen Publikationstätigkeit gestehen beide Beurteiler [B. Saltin, W. Jelkmann] der Freiburger Sportmedizin internationales Format und einen vorderen Rang unter den deutschen sportmedizinischen Einrichtungen zu. Vor allem in der Zeit nach 1990 wurde oft in reputierten internationalen Zeitschriften mit gutem bis sehr gutem Impact Factor publiziert. Die so publizierten Arbeiten waren von der Fragestellung und von der Methodik her am Puls der Zeit.

Dieser Beurteilung können wir uns anschließen. Die Massierung von Unregelmäßigkeiten bei Habilitationsarbeiten und die Hinweise des Zeitzeugen auf wissenschaftlich unredliches Verhalten der Institutsleitung hat uns aber stutzig gemacht.“

„Die vergleichende Analyse von Dissertationen, Habilitationsarbeiten und Originalpublikationen zeigt, dass Datensätze mit wechselnden Probandenzahlen publiziert wurden, ohne dass dabei auf vorher publizierte Daten verwiesen wurde oder ohne, dass Selektionskriterien transparent gemacht wurden. Es ist damit nicht auszuschließen, dass Datenselektion betrieben wurde. Wir finden widersprüchliche Angaben zu Interventionsart, Alter, Geschlecht, Messwerten und Medikationen in Publikationen, welche offensichtlich die gleichen oder teilweise die gleichen Probanden betreffen. Viele dieser Ungereimtheiten werden nur im direkten Vergleich relevanter Aspekte von Studien sichtbar, nicht bei der Betrachtung einer jeweiligen Einzelpublikation oder bei der Beurteilung der bibliometrischen Kennzahlen. Wir müssen davon ausgehen, dass die von uns erhobenen Hinweise auf wissenschaftliche Unredlichkeit von der Untersuchungskommission für wissenschaftliche Redlichkeit der Universität Freiburg als Bagatellen oder als »ehrliche Fehler« beurteilt wurden und verzichten deswegen, auch aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes, auf eine Listung der untersuchten Arbeiten.“

„Wir sind der Ansicht, dass der ausschlaggebende Faktor [für die Häufung unlauterer Publikationen] in der Person des verantwortlichen Institutsleiters zu suchen ist. Prof. Keul war ein kompromissloser Vertreter der Leistung im Sport. Er war über Jahrzehnte die unbestrittene Nummer eins der Sportmedizin in Deutschland und verfügte über den Rückhalt der Universität, der Sportverbände und der Politik. Es sind Parallelen zu sehen zwischen der Bejahung des Dopings im Hochleistungssport, zu einem Zeitpunkt als Doping bereits weltweit bekämpft wurde, und der Suche nach wissenschaftlichem Erfolg um jeden Preis. … Es muss für die in der Sportmedizin tätigen Ärzte und Wissenschaftler außerordentlich schwierig gewesen sein, sich wissenschaftlich korrekt zu verhalten. Dies sowohl aufgrund mangelnder Anleitung und Vorbilder als auch aufgrund des damaligen Fehlens einer unabhängigen Ombudsstelle.“


Zusammenfassung einzelner Kapitel:

Inhalt, Vorwort, Leseprobe „Doping für Deutschland
Kap. 4: Forschung und Doping
Kap. 5: Widerstände und Verantwortung, Teil 1
Kap. 5: Widerstände und Verantwortung, Teil 2
Kap. 6: Fazit