Giselher Spitzer
DDR-Fußball & Doping
Das folgende Interview mit Giselher Spitzer aus dem Jahr 2004 bezieht sich auf sein kurz zuvor erschienenes Buch
Giselher Spitzer, Fußball und Triathlon, Sportentwicklung in der DDR.
Das von Michael Schelenz geführte Interview erschien am 29. Juli 2004 in der Zeitschrift SUPERillu (Ausgabe Nr. 32/2004).
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Sind Sie überrascht, dass das Buch so hohe Wellen schlägt?
Es ist schon auffällig, dass beim Thema Fußball die Aufmerksamkeit höher ist als woanders. …
Viele stempeln Sie als Wichtigtuer ab, der es mit seinen Behauptungen nicht so genau nimmt. Was sind eigentlich Ihre Quellen?
Ich arbeite zu hundert Prozent wissenschaftlich, nur mit harten Daten. Meine Quellen sind Gespräche mit Zeitzeugen, SED-Akten und das Parteiarchiv, Analyseberichte des IOC-Labors in Kreischa, interne SED-Revisionen, Akten aus dem Ministerium für Staatssicherheit, Fotokopien von Arbeitsverträgen. Ich habe erschütternde Beweise für kriminelles Doping, wo in Vitamine Anabolika eingearbeitet wurden.
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Im Buch nennen Sie DTSB-Chef Manfred Ewald und Gehilfen beim Namen. Warum nennen Sie keine Spieler?
Ich bemühe mich, die Opfer zu schützen. Für mich sind gedopte Sportler und Sportlerinnen immer Opfer, weil in der Regel die Impulse nicht von Sportlern ausgingen.
Aber die Sportler hätten sich doch irgendwann dafür interessieren müssen, was sie da schlucken oder gespritzt kriegen…
Zunächst ist Doping immer unwissentlich passiert. Ich habe den Eindruck, dass es ein Programm gab, den Sportler daran zu gewöhnen, etwas einzunehmen, ohne zu wissen, was es war. Zunächst wurde das Einnehmen eingeübt, mit der Zeit wurden dann Mittel ausgetauscht und ergänzt. Man könnte das Anfüttern nennen, heute sagt man Medikamentisierung. Wir wissen aber auch, dass es erwachsene Sportler gab, die Fragen gestellt haben. Einige hatten die volle Kenntnis, was da abläuft. Es ist beweisbar, dass Sportler beim Doping bewusst mitgewirkt haben. Trotzdem, sie wurden ja bereits als Kinder und Jugendliche dem Doping ausgesetzt. Daher nenne ich bewusst keine Namen, weil ich nicht will, dass diese Sportler a priori als Betrüger hingestellt werden.
Im Buch erheben Sie schwerste Vorwürfe gegen den BFC Dynamo Berlin. Im Europacup-Hinspiel gegen Werder Bremen 1988 sollen einige aus der Mannschaft massiv vollgepumpt gewesen sein…
Der BFC ist im DDR-Fußball die absolute Besonderheit, weil es der Verein von Staatssicherheitsminister Erich Mielke war. Und der hat sein Ministerium missbraucht, um dafür zu sorgen, dass sein Klub immer wieder DDR-Meister wird.
Doping auf Stasi-Rezept?
In der Tat: Nach Aktenlage wurden gewisse Präparate erstmals über das Stasi-Apothekennetz beschafft: Psychopharmaka fanden Verwendung für Gesunde. Aber schon 1977 soll importiertes »Aponeuron« dann bei BFC und Dynamo Dresden verwendet worden sein. Doch im Buch ist Doping nur ein Kapitel. Es gab auch andere Möglichkeiten der Manipulation.
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Zurück zum Spiel gegen Werder. Worauf stützen sich Ihre Behauptungen?
Es gibt sogar eine MfS-Aufzeichnung. Da schildert ein BFC-Spieler die Wirkung von „weißen Tabletten“, nach deren Einnahme „Kontraste und Farben der Umwelt deutlicher wurden“. Aber wir sollten nicht nur vom BFC reden: Laut Aktenlage wurde in den Auswahlmannschaften der DDR seit 1965 systematisch gedopt. Insgesamt gehe ich von 10000 Dopingopfern im Sport aus.
Warum wurde im Rückspiel auf Doping verzichtet?
Das von mir schon angesprochene Aponeuron wurde offenbar wegen der Verhaltensrisiken durch die mit der Vergabe verbundene Aggressionssteigerung auswärts nicht eingesetzt.
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Ob Doping im Fußball überhaupt was bringt, ist sogar unter Medizinern umstritten…?
Dennoch oder gerade, weil man nicht wusste, ob es was bringt, ist gedopt worden. Man war sich unsicher, aber man glaubte, dass es ohne nicht geht. Nachweislich ist auch im Rudern trotz Expertenstreits gedopt worden.
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Geht es Ihnen als Historiker nur um geschichtliche Aufklärung? Oder glauben Sie, etwas bewirken zu können?
Sehr gute Frage. Es geht mir um beides: Zunächst habe ich den Auftrag, die Sportverhältnisse in der DDR wissenschaftlich aufzuarbeiten. Daneben gibt es eine Geschichte, die noch geschrieben werden muss: die Langzeitfolgen! Doping hat bei manchen Sportlern zu Suchterkrankungen geführt, darüber spricht nur niemand. Anabolika wirken in die nächste Generation. Es ist damit zu rechnen, dass Kinder Schäden haben, die über den Spaß hinausgehen. Eine andere Kehrseite der Medaille ist auch die: Ohne den beamtenähnlichen Schutz der DDR sind viele Biographien von Sportlern nach der Karriere gekippt. Wenn einer keine Amphetamine mehr nimmt, trinkt er halt Alkohol als Surrogat. Es gibt erschütternde Hinweise, auch über Spieler, die nach Tabletten verlangt haben, weil sie offensichtlich davon abhängig waren.
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Viele fragen: Warum kommt das Buch gerade jetzt heraus?
Weil ich gerade jetzt mit meinem Buch fertig geworden bin, das die Sportarten Fußball und Triathlon gegenüberstellt. Fußball als in der DDR privilegierten und geförderten Sport und Triathlon als westorientierte und unerwünschte Disziplin. Und bei der Aufarbeitung muss Doping als ein Kapitel aufgearbeitet werden, genauso wie die Rolle der Staatssicherheit und vieles andere mehr.
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Erste Reaktionen
Falko Götz (41) floh 1983 in den Westen
»Es gibt zwei positive Tests. Das war zu meinen Jugendzeiten und ist ohne mein Wissen geschehen. Ich wurde gefragt, ob ich mich einer gemeinschaftlichen Anzeige anschließe. Das habe ich getan.«
Andreas Thom (38), Ex-Star beim BFC Dynamo und heute Co-Trainer von Hertha BSC
»Alle Jahre wieder haut da irgend- jemand so ein Ding raus und wir müssen uns dazu äußern.
Darauf habe ich aber überhaupt keinen Bock mehr.«
Jürgen Bogs (56), langjähriger BFC-Trainer
»Wissenschaftler haben deutlich gemacht, dass Doping im Fußball wenig bringt. Was nutzt es, sich für den Mittwoch aufzuputschen, wenn du am Samstag in ein Loch fällst? Dieser Rhythmus im Fußball lässt gar kein gezieltes Doping zu.«
Bodo Rudwaleit (46), gegen Werder Bremen 1988 im BFC-Tor
»Das ist totaler Schwachsinn. Der Herr Spitzer will wohl sein Buch besser verkaufen. Doping funktioniert im Fußball nicht. Das steht in so vielen Büchern. Und die Stasi hat mich auch nicht im Bett beobachtet.«
Interview: Michael Schelenz
