UND NUN DIE LÜGE, Doping in Ost- und Westdeutschland

Doping in Ost- und Westdeutschland – Gemeinsames und Unterschiede und Appel wider das Vergessen von Unrecht.
Ein Artikel der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14.10.2024.

Die Autoren erlaubten doping-archiv.de die vollständige Übernahme des Artikels. Herzlichen Dank!

Und nun die Lüge

Zentrales, geheimes Doping mit Hilfe der Staatsmacht da, pragmatisch-private Manipulationen dort – und nach 1990 wachsen die Dopingmentalitäten von DDR und BRD auch noch zusammen. Eine Rekonstruktion.

Von Anno Hecker und Michael Reinsch, Frankfurt

Im Januar 2023 verbreitete der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) im Film „Doping und Dichtung – Das schwierige Erbe des DDR-Sports“ eine Binse: „Gedopt wurde auf der ganzen Welt.“ Hinter der Formulierung steckt die Absicht, das Doping der DDR zu verharmlosen, es mit den weltweit seit Jahrzehnten dokumentierten Manipulationen gleichzusetzen, vor allem mit denen in der Bundesrepublik. Hüben wie drüben dasselbe: Diese Darstellung wird Kritikern des DDR-Spitzensports immer öfter entgegengeschleudert, verknüpft mit der Behauptung, das Bild vom menschenverachtenden Umgang mit jungen Menschen sei vor allem Folge der westdeutschen Siegerjustiz. Das Staatsdoping im Osten eine Erfindung des Westens? Die deutsch-deutsche Dopinggeschichte belegt die Bereitschaft von Politikern, Wissenschaftlern, Managern, Ärzten, Trainern, Athleten auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze, alles zu riskieren für eine Goldmedaille, selbst Kinder als Menschenmaterial zu betrachten – falls sie die Freiheit dazu hatten oder den Auftrag erhielten.

Besonders sichtbar wurde dies nach dem Fall der Mauer. Im Jahr zwei der deutschen Einheit, im März 1992, forderte der Sportfunktionär Harm Beyer, damals Richter in Hamburg und ehemaliger Präsident des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV), mit der Empörung über Doping endlich Schluss zu machen. Für den Spitzensport hätten sich mehr und mehr eigene Regelungen, Gesetzmäßigkeiten und Notwendigkeiten, Erwartungen und Ansprüche entwickelt, die für die übrigen Bereiche des Sports nicht mehr anwendbar seien, schrieb er in einem Gastbeitrag für die „Stuttgarter Zeitung“: „Dazu gehört die für manche vielleicht bittere, aber realistische Erkenntnis, dass die Ideale, die der Sport seit Coubertin und Turnvater Jahn stets hochzuhalten versucht hat, für den Bereich des Spitzensports nicht mehr gelten. Der Fehler, den viele der verantwortlichen Funktionsträger des Sports immer noch machen, ist der, den Spitzensport (…) unter Beachtung idealistischer Prinzipien wie Ethik, Moral, Fairness, Edelmut, Sauberkeit, Ehrlichkeit etc. führen zu wollen (…). Längst haben sich hier die auch im Leben geltenden harten, manchmal brutalen Prinzipien der Leistungsgesellschaft durchgesetzt: Nur der Beste ist erfolgreich, und um Bester zu sein, muss alles ausgenutzt werden, was das Erreichen dieses Zieles ermöglicht.“

Über den Einsatz von Doping hinaus schlug Beyer vor, eine Organisation zu schaffen, die alle Ressourcen des deutschen Sports einsetzt, um rund fünftausend talentierte Sportlerinnen und Sportler auf die Olympischen Spiele acht Jahre später vorzubereiten. Gerade hatte die erste Olympiamannschaft des vereinten Deutschlands mit dem Gewinn von zehn Goldmedaillen bei den Winterspielen von Albertville triumphiert. Vier Monate später standen die Sommerspiele von Barcelona an. Berlin bewarb sich um die Spiele 2000. Der westdeutsche Beyer blickte von der Weltlage des Dopings – vielleicht sogar mit Sorge – in die Zukunft des deutschen Spitzensports.

Nach den Olympischen Spielen in Paris  in diesem Sommer [2024], bei denen die deutsche Olympiamannschaft 33 Medaillen gewann, erinnerten Funktionäre an den Goldrausch von Barcelona 1992, als ein deutsch-deutsches Team auch dank der Folgen eines jahrelangen, systematischen (Ost) und systemischen (West) Dopings 82 Medaillen nach Hause gebracht hatte. Die chemische Aufladung wird überspielt, bis heute. Obwohl sie schon damals nachlesbar war.

Im Vorjahr, 1991, hatten Brigitte Berendonk und ihr Mann Werner Franke, sie eine ehemalige Leichtathletin, er ihr einstiger Trainer und angesehener Mikrobiologe, das Buch „Doping-Dokumente“ veröffentlicht. Die beiden belegten mit bislang geheim gehaltenen Unterlagen das den Athleten gegenüber rücksichtslose, systematische Zwangsdoping des DDR-Sports ebenso wie die Dopingmentalität einiger westdeutscher Wissenschaftler, zu denen die Freiburger Sportmediziner Armin Klümper und Joseph Keul gehörten. Im Januar 1992 gab Katrin Krabbe aus Neubrandenburg, dreimalige Europameisterin, Weltmeisterin über 100 und 200 Meter und deshalb Favoritin auf die Goldmedaillen bei den Spielen von Barcelona im August, im Trainingslager in Südafrika eine Urinprobe ab, ebenso zwei andere deutsche Sprinterinnen. Alle Proben waren identisch, einmalig in der Geschichte des Sports. Doch wenn eine Fremdurin-Abgabe zum Alltag von Betrügern gehört hatte? Die Dopingkontrolleure waren alarmiert. Krabbes Karriere endete praktisch in jenem Sommer.

„Fehler haben andere gemacht. Das Huhn, das goldene Eier legt, haben sie geschlachtet“, sagte Thomas Springstein, Krabbes Trainer schon zu DDR-Zeiten, zehn Jahre später der F.A.Z. Der Leipziger hatte offenbar erwartet, dass der Leichtathletikverband eher dem Diktum Beyers vom Primat des Siegens gegenüber der selbst von Manipulateuren gerne öffentlich beteuerten oder gar geforderten Regeltreue folgte. Doch das war, anders als in der DDR, im vereinten Deutschland nicht mehr ohne Weiteres möglich. Im März 2006 wurde Springstein in Magdeburg wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz zu einer Bewährungsstrafe von 16 Monaten verurteilt; er hatte einer 16 Jahre alten Läuferin das Testosteronprodukt Andriol gegeben. Eine der vielen im Prozess verlesenen E-Mails von Springstein handelte von der Substanz Repoxygen – ein Hinweis darauf, dass Gendoping den Sport erreicht haben könnte. „Das ist nicht nur Doping, das ist kriminell“, kommentierte der Dopingaufklärer Franke: „Hier geht es um Absprache zur Körperverletzung.“

Zwischen dem Aufstieg mit Katrin Krabbe und der Verurteilung ihres Trainers lag, und das ist symptomatisch für die Grauzone, in die sich Sport und Athleten begeben hatten, Springsteins Wahl zum Trainer des Jahres 2002. Als Coach von Grit Breuer, der Europameisterin über 400 Meter 1998 und Weltmeisterin in der 4×400-Meter-Staffel 1997, genoss er hohes Ansehen. „Es gibt keine Weltmeisterschaften für humane Leichtathletik“, behauptete er damals im Gespräch mit der F.A.Z.: „Der Sport ist unfair, und ich muss damit leben.“ Aus der Dopingproblematik sehe er keinen Ausweg. [1]

Beyer und Springstein personifizieren das Zusammenwachsen der Dopingmentalität des Ostens und des Westens, am besten zu sehen in den Neunzigerjahren beim Team Telekom des Radsports mit der Galionsfigur Jan Ullrich: die Überzeugung rücksichtsloser Funktionäre, Trainer, Ärzte, Betreuer, Manager, dass es ohne Doping nicht geht, ohne die Raffinesse, auf eigene Faust Mittel und Wege zu finden, die Skrupellosigkeit, schädliche Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen, selbst wenn die Stoffe schwere Erkrankungen zur Folge haben können. Beyer, der Jurist aus dem Westen, trat als Theoretiker der Manipulation auf, der Trainer Springstein aus dem Osten als Praktiker. Für den Unterschied von Ost und West, von DDR-Doping und dem in der alten Bundesrepublik, standen sie nicht.

Denn zu den Pragmatikern unter den Dopern zählte auch der Freiburger Mediziner Klümper. Er hatte, wie die F.A.Z. dokumentierte, in den Siebzigerjahren einen Dopingplan für den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) verfasst. Damals wurden Anabolika im Spitzensport noch wie ein „Nahrungsergänzungsmittel“ betrachtet. Heerscharen westdeutscher Athletinnen und Athleten gingen bei ihm ein und aus. Viele schwörten auf seine väterlich-fürsorgliche Betreuung, viele schweigen über seinen Tod im Jahr 2019 hinaus über seine Medikationen.

Klümper stand für das Private des Dopings im Westen und für den Machtkampf in dieser Disziplin zwischen ihm und unter anderen Joseph Keul, dem Chefarzt der westdeutschen Olympiateams. Im Spitzensport der Bundesrepublik existierten in den Siebzigerjahren verstreut über das Land Zirkel und Gremien, die den Betrug unter Duldung von Politikern zu organisieren versuchten, während in der DDR längst ein zentralisiertes, geheimes Doping im Auftrag des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei (SED) begonnen hatte.

Die Doper im Osten erscheinen nicht per se rücksichtsloser. Die militärische Hierarchie von Befehl und Gehorsam im Sport, der Wille der Staatsführung, auf dem Feld des Sports aller Welt die Überlegenheit des Sozialismus zu beweisen, die Macht des Staatssicherheitsdienstes, den Staatsplan zum Doping 14.25 vom 23. Oktober 1974 durchzusetzen, machte das Doping, den Spitzensport im Osten so brutal. Neben Erzählungen von vielen Sportlern bieten Stasi-Akten und Ermittlungen der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) tiefe Einblicke. Aus den Protokollen der Befragungen von Zeugen und Tätern in den Neunzigerjahren ergibt sich das Bild eines gewaltigen Menschenversuchs mit Athleten aus nahezu allen Sportarten. Von „Versuchskaninchen“ spricht die Historikerin Jutta Braun mit Blick auf die Ergebnisse ihrer zusammen mit René Wiese veröffentlichten Studie: „Die Verantwortlichen wussten, dass sie gegen das Arzneimittelgesetz verstießen. Sie wussten, dass sie mit Leben spielten. Das macht das mögliche Mitwissen der Sportler und Sportlerinnen völlig irrelevant, da es ohnehin nicht hätte passieren dürfen.

Braun bestätigte indirekt auch die Einschätzung der Schriftstellerin Ines Geipel. Die frühere DDR-Sprinterin gab der Klage ehemaliger DDR-Athleten ein Gesicht, benannte das Unrecht auf allen Ebenen, die kriminellen Handlungen, die fatalen Folgen für Dopingopfer. Sie öffnete den Blick für eine Gewalt im DDR-Spitzensport, die weit über die Manipulation mit der Chemiekeule unter Zwang hinausging und längst (noch) nicht umfassend beschrieben ist. Es mag ein Zufall gewesen sein: Aber in drei der ersten fünf von der F.A.Z. gesichteten ZERV-Protokolle schilderten junge Skilangläuferinnen, wie sie von Trainern und Betreuern „überzeugt“ wurden abzutreiben: zum Wohl des Staates, des Sportauftrages und ihrer Karriere.

Die Doper im Westen waren wohl kaum bessere Menschen. Den Skrupellosen unter ihnen fehlte die Macht, das durchzusetzen, was sie als legitimiert durch das Interesse des Staates und die Erwartung der Gesellschaft an dem Gewinn von Titeln und Medaillen verstanden. Ohne staatlichen Auftrag, ohne ungehinderten Zugriff auf Talente, ohne Delegierungsrecht und ohne Zentralisierungsmacht in einem föderalen Staat entwickelten mehr oder weniger selbst ernannte Medaillenschmiede subtile Methoden. Der Bundesausschuss Leistungssport (BaL) des Deutschen Sportbundes gilt als Quelle einer Strategie, vor allem Athleten zu fördern, die „alles tun würden“, wie ein BaL-Direktor der F.A.Z. sinngemäß erläuterte. Demnach wurden junge Sportler mit Medaillenprognose angesprochen, von denen der BaL glaubte, sie könnten bereit sein, über alle Grenzen zu gehen.

Dazu beugte man im Zweifel Nominierungskriterien. Es konnte vorkommen, dass der Zweite oder Dritte einer deutschen Juniorenmeisterschaft zum Nationalmannschaftslehrgang eingeladen wurde, nicht der Meister. Die wachsweiche Begründung: eine bessere Perspektive. Die Konkurrenz unter Medizinern in Westdeutschland führt zwar zu einer gewissen Entwicklung unter anderem des Anabolikagebrauchs, begleitet von leisen Hinweisen Manfred Donikes, des Leiters des Kölner Antidopinglabors. Der ehemalige Radprofi soll dann und wann über die Verlängerung von Nachweiszeiten verbotener Stoffe im Urin informiert haben, um Athleten vor positiven Tests zu schützen. Aber für eine systematische Dopingmittel-Forschung wie in der DDR, sieht man von einer dezentralen, als Antidopinguntersuchung verbrämten Testosteron-Studie ab, gibt es keine Belege. Und auch kein an Medaillenspiegeln ablesbares Indiz. Die DDR lief, sprang und schwamm davon. Dilettantisch wirkten Versuche der Wessis, die Leistung von Sportlern auf halbwegs legalem Weg mit Steuergeldern zu optimieren. In Montreal 1976 verpuffte die Idee, Schwimmern für eine bessere Wasserlage einen Teil des Darms mit Luft zu füllen, auf dem Weg zum Becken.

Es mag einen informellen deutsch-deutschen Austausch gegeben haben, wie hier und da kolportiert. Die DDR aber hütete ihr Dopingwissen, ließ Republikflüchtlinge mit entsprechenden Kenntnissen „aufklären“ von Stasi-Spitzeln im Westen und schickte unmissverständliche Botschaften. Zu den harmlosen zählt die Reaktion auf die Flucht des Skispringers und Olympiasiegers Hans-Georg Aschenbach 1988, der, als Athlet erfahren und als Arzt eingebunden, über das Zwangsdoping berichtete: „Erst der Verrat“, schrieb die DDR-Zeitung „Neues Deutschland“, „und nun die Lüge.“

Im Westen berichtete der Sportreporter Robert Hartmann 1970 in dieser Zeitung, was hinter dem damals im Sport verbreiteten Begriff „Muskelpille“ steckte: Anabolika, am weitesten verbreitet in Form des Medikaments Dianabol, das unter anderem der amerikanische Hammerwerfer Hal Connolly bevorzugte, Olympiasieger von Melbourne 1956. Hartmann zitiert Kugelstoß-Bundestrainer Werner Heger, laut dem im Frühjahr neunzig Prozent seiner Männer eifrig schluckten. „Es scheint nun, als habe Dianabol die Szene überflutet“, schrieb Hartmann: „Man trifft die Konsumenten in allen Ländern an. Plötzlich überraschen sogar Männer, die schon auf die Vierzig gehen oder sie sogar überschritten haben, mit neuen Landesrekorden im Kugelstoßen.“ Weltrekorde in den sogenannten technischen Disziplinen, Wurf und Stoß, seien 1968 und 1969 deutlich verbessert worden. „Dem einigermaßen geschulten Auge fällt es nicht schwer, die Pillenschlucker von den Enthaltsamen zu unterscheiden. Der Oberkörper wirkt beträchtlich überproportioniert. Solche stramme Oberarmmuskulatur wie in den vergangenen zwei Jahren ist in den gesamten 75 Jahren der modernen Leichtathletikgeschichte nicht beobachtet worden“, hieß es im Text von Hartmann. Er bestätigte damit den alarmierenden Artikel, den Brigitte Berendonk nach ihrer Teilnahme an den Olympischen Spielen von Mexiko 1968 in der „Zeit“ unter dem Titel „Züchten wir Monstren?“ veröffentlicht hatte. Nahezu alle Zehnkämpfer der Weltklasse nähmen die Pille, neunzig Prozent der Werfer, Stoßer und Gewichtheber, etwa die Hälfte der Springer und Sprinter, schrieb sie darin, und auch bei den Ruderern, Schwimmern und Mannschaftsspielern werde sie immer beliebter. Drastisch schilderte sie die körperlichen Veränderungen insbesondere der Werferinnen und Stoßerinnen aus dem Ostblock und prognostizierte: „Nach meiner Schätzung treffen sich bei großen Wettkämpfen bald mehr Pillenschlucker als Nichtschlucker.“ Die Diskuswerferin Liesel Westermann stellte 1977 in ihrer Autobiographie ein Kapitel unter die Überschrift „Sport und Chemie“. Darin beschrieb sie unter anderem, dass sie die Leistungsvorgabe für die Teilnahme an den Olympischen Spielen von Montreal 1976 nicht einhalten konnte, da diese „Anabolika-Norm“ ohne Doping unerreichbar gewesen sei. „Wie, du nimmst keine Anabolika?“, habe ein ranghoher Funktionär ihr vorgehalten: „Dann bist du selbst schuld, wenn du es nicht schaffst.“ Eine öffentlich geführte Diskussion versickerte. Westdeutsche Athleten gerieten zwar unter Druck, die Entscheidung, ob und von welchem Trainer, welchem Sportarzt sie sich dopen lassen wollten, blieb aber ihnen überlassen.

Die Sportführung der DDR überließ den Sportlern nichts. Das Kontrollprimat lässt sich am Fall von Ilona Slupianek ablesen. Beim Europapokal der Leichtathleten in Helsinki fiel die überragende Kugelstoß-Siegerin im August 1977 bei der Dopingkontrolle mit erhöhten Anabolika-Werten auf – der erste und einzige solcherart offenbar gewordene Fall zu DDR-Zeiten. Die Führung überspielte den Skandal, indem sie den Befund bestritt, die einjährige Sperre verschweigen ließ, die mächtige, semmelblonde Athletin demonstrativ mit dem Vaterländischen Verdienstorden auszeichnete und 1980 Olympiasiegerin werden ließ.

Der positive Befund aber hatte die Kontrolleure alarmiert. Von nun an gehörte zur Vorbereitung auf Wettkämpfe im Ausland, zu dem die DDR auch die Bundesrepublik Deutschland zählte, eine sogenannte Ausreisekontrolle. Das Analyselabor in Kreischa bei Dresden, offiziell zur Bekämpfung des Dopings gegründet, erhielt von da an Proben aller Athleten, die sich auf den Weg zu internationalen Wettkämpfen machten. Es durfte keinen offiziellen positiven Fall im Ausland mehr geben. Die internen Kontrollen mussten nicht einmal negativ ausgehen. Da die Handlanger der Manipulation über individuelle Abklingprofile verfügten, sie also wussten, wie lange die Dopingmittel im Urin nachweisbar waren, konnten sie ihre hochgedopten Athleten gelassen starten lassen – oder täuschten, wenn die Rechnung nicht aufging, eine Verletzung oder Krankheit der Sportler vor.

Das Labor in Kreischa war Teil des Sportmedizinischen Dienstes (SMD), 1963 in Ost-Berlin, der Hauptstadt der DDR, geschaffen. Auf dem Höhepunkt seines Wirkens beschäftigte der SMD 1800 Personen, von denen 1200 sich vornehmlich um den Spitzensport kümmerten. 1964 begann das organisierte Doping im DDR-Sport, zunächst bei der Stasi-Sportvereinigung Dynamo. Zehn Jahre später folgte auf Rat der Leistungssportkommission der Beschluss über den Staatsplan 14.25: konsequente Zentralisierung des Dopings, Erforschung, Weiterentwicklung von Substanzen, die selbst in der DDR nicht zugelassen waren, und Vertuschung. [2] Nicht um den Schutz der Sportlerinnen und Sportler ging es, sondern um eine effektive, nicht entdeckbare Manipulation. Am Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport in Leipzig (heute IAT) wurde zu den sogenannten unterstützenden Mitteln („uM“), dem Synonym für Dopingmittel, geheim geforscht. Der Volkseigene Betrieb Jenapharm hatte die bevorzugten Substanzen, insbesondere das Anabolikum Oral-Turinabol, in ausreichender Menge herzustellen. Berendonk und Franke nannten das Vorhaben „das Manhattan-Projekt des DDR-Sports“, die Atombombe der Körperkultur. Aber „in unserem Land ist kein Fall Dressel passiert“, behauptete Manfred Höppner, der Architekt des DDR-Dopings, in einem Interview, als gegen ihn der Prozess wegen Körperverletzung eröffnet wurde: „Wir haben das Feld nicht medizinischen Scharlatanen überlassen.“

Höppner spielte auf den Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressel aus Mainz im Frühjahr 1987 an. Die 26 Jahre alte Siebenkämpferin starb an einer toxisch-allergischen Reaktion. Unter den mehr als hundert Medikamenten, die sie in ihren letzten beiden Jahren ihres Lebens eingenommen hatte, fanden sich auch Anabolika wie Megagrisevit und Stromba; ihr Arzt Armin Klümper bestritt, sie ihr verschafft zu haben. Ermittlungen gegen ihn wurden wie alle weiteren ohne Ergebnis eingestellt. Verantwortlich für die Folgen ihrer Medikamentierung soll, geradezu beispielhaft, das Opfer selbst gewesen sein. Zum dreißigsten Jahrestag des Todes von Birgit Dressel 2017 bezeichnete der Doping-Opfer-Hilfe-Verein (DOH) den organisierten Sport in Deutschland als ein „Massengrab“. Auf der Todesliste des DOH seien an Dopingfolgen verstorbene Athleten aus Ost und West verzeichnet. Die Todesursachen: Herzversagen, Schlaganfälle, Tumoren, Akutversagen der Organe oder toxisch-allergische Reaktionen. „Stand die bundesdeutsche Gesellschaft angesichts des Todes von Birgit Dressel noch unter Schock“, hieß es in dem Text, „wird das Dauersterben der Athleten seitdem so konspirativ gehandhabt wie das Doping selbst und insbesondere zum alleinigen Problem der Aktiven gemacht.“

Auf Initiative des DOH unter anderem unter dem Vorsitz von Ines Geipel hat die Bundesrepublik rund 1600 ehemaligen Sportlerinnen und Sportler aus der DDR einmalig 10.500 Euro gezahlt. Bei manchen reicht das nicht mal für die Bezahlung der Medikamente, die sie heute brauchen. Selbst schuld? DDR-Athleten und Athletinnen wurden nie über die möglichen Folgen des Dopings aufgeklärt, was auch der Bundesgerichtshof feststellte. Obwohl die Stasi akribisch notierte, was Ärzte an schrecklichen Nebenwirkungen feststellten und voraussahen: vom Wachstum des Schamhaars bis zum Bauchnabel bei Frauen über Brustwucherungen bei Männern bis hin zu Krebsgefahr, um nur drei zu nennen. Wer sich im Westen Knall auf Fall vom Spitzensport abwandte, weil er leicht und überall erfahren konnte, was Anabolika und anderes auslösen können, musste weder um seinen Anspruch auf die Zulassung zum Abitur noch um einen Studien- oder Arbeitsplatz bangen. „Im Westen sind auch junge Sportler und Sportlerinnen in Abhängigkeitsverhältnisse von Trainern getrieben worden. Aber sie waren nicht gleichzeitig von einer Diktatur mitsamt der Staatssicherheit umringt. Das ist ein fundamentaler Unterschied“, sagte die Historikerin Jutta Braun der F.A.Z.

In den Protokollen der ZERV schildern Sportlerinnen, wie Ärzte oder Trainer die Einnahme von Dopingmitteln überwachten, sich nach dem Schlucken die Mundhöhle zeigen ließen oder nach einer Weigerung nicht nur das Ende der Karriere androhten. Laut Braun war „das ganze System klandestin aufgebaut, mit Verschwiegenheitserklärungen für Ärzte, Trainer, Sportler sowieso. Es gab eine Vielzahl von Firewalls. Man durfte nicht wissen, was der andere gerade tat. Dadurch waren bis auf einen ganz kleinen Kreis alle mehr oder weniger abgeschottet von der Gesamtinformation. Deshalb war sehr viel Gewalt möglich. Wir wissen inzwischen, dass es eine ganz hohe Rate von Depressionen und posttraumatischen Störungen unter ehemaligen Sportlern des DDR-Sports gibt.“ [3] [4]

Um dieses Erbe des Spitzensports macht das vereinte Deutschland einen Bogen. Das Bundessozialgericht wies im Frühjahr den Antrag eines anerkannten Dopingopfers auf „verwaltungsrechtliche Rehabilitierung“, Voraussetzung für eine kleine Rente, ab. Der Gesetzgeber müsse zuerst eine Voraussetzung schaffen. Nach Jahrzehnten des Kampfes um eine kleine Anerkennung schwindet die Energie Geschundener und Erkrankter. Das Sterben geht schneller.
Einig Vaterland? [5]

 


[1] Thomas Springstein kämpft in der Grauzone mit offenem Visier, FAZ 5.12.2002
doping-archiv.de: Doping DLV: Trainer Thomas Springstein (einschl. ‚Krabbe-Affairen‘)

[2] Staatsplanthema 14.25, Forschungsvorhaben Komplex 08

[3] Jutta Braun, René Wiese, Sportgeschichte vor Gericht

[4] Bernhard Strauß, Jörg Frommer, Georg Schomerus & Carsten Spitzer
Gesundheitliche Langzeitfolgen von SED-Unrecht (PDF), darin: DDR-Leistungssportler:innen und Staatsdoping

[5] Die Diskussion um eine DDR-Doping-Opfer-Rente