Operation Aderlass: Max Hauke

>>> Operation Aderlass – Hintergrund/Geschichte

Max Hauke – My Story, Tokio 2019

Max Hauke war einer der ersten Sportler, die nach dem Geständnis von Johannes Dürr und den damit ausgelösten Ermittlungen aufflogen und sanktioniert wurden. Er erhielt eine Sperre über 4 Jahre (ÖADR, Pressemitteilung Max Hauke 2019, 23.7.2019). Zudem erhielt er eine 5monatige Haftstrafe auf Bewährung im Oktober 2019 vom Landgericht Innsbruck wegen gewerbsmäßigen schweren Sportbetrugs.

Am 6 Oktober 2019 fand in Tokio ein Wissenschafts-Symposium, veranstaltet von der USADA, statt, an dem rund 100 Wissenschaftler*innen und Praktiker aus dem Anti-Doping-Umfeld teilnahmen. Entsprechende Symposien werden seit 2002 durchgeführt.

In Tokio berichteten Andrea Gotzmann, NADA Deutschland, und Michael Cepic, NADA Österreich über die Ermittlungen der „Operation Aderlass“. Max Hauke war geladen, um über seine Erfahrungen und Motivationen als betroffener Athlet, der dopte und überführt wurde, zu berichten. Matthias Kamper schildert die Aussagen Haukes in seinem Buch „Der vergiftete Sport.

Siehe auch die Aussagen, die Max Hauke und Domimik Baldauf in einem gemeinsamen Interview machten:

>>> doping-archiv: Interview mit Max Hauke und Dominik Baldauf, Skilanglauf , 6.3.2019

Ausschnitte aus seinem Vortrag, zitiert nach M. Kamper

„Er will dem Publikum verständlich machen, wieso ein Athlet zum Doping kommt. … Mit zehn Jahren absolviert er die ersten Rennen, wenige Jahre später geht er – wie vor ihm auch Dürr – auf das Skigymnasium in Stams. Mitr 18, im Jahr 2011, gewinnt er bei den österreichischen Meister­schaften Bronze über 30 Kilometer. Direkt über Doping geredet wird nicht in seinem Umfeld, aber es gibt die „toxic talks“, wie sie Hauke nennt, die vergifteten Bemerkungen seiner Betreuer. Wenn jemand eine unerwartete Leistung erbringt, heißt es: „Was hat er er­ halten?“ Oder: „Was war in seinem Frühstück?“

Hauke wollte alles optimieren, Ski, Ernährung, Regeneration. 2014 gehörte er zu Österreichs Olympiadelegation in Sotschi. Auch hier wieder: „toxic talks“«. Und die EPO-Überführung des Teamkol­legen Dürr. Für Hauke wurde klar, dass Doping zum Langlauf gehört, dass Doping Realität ist statt Mythos. Hauke glaubte, alles op­timiert zu haben – und um noch besser zu werden, brauchte er Doping. Er hatte so viel investiert ins Training, er hatte so viel ent­behrt, dass er eine Rendite wollte – alles versuchen, um der Beste zu sein. Wie sagte Dürr auf die Frage, ob er geglaubt hätte, ohne Doping könne er nicht Olympiasieger werden: „Ja, das habe ich geglaubt.“

Mit etwas Vorlauf zur Olympiasaison 2018 suchte Hauke den Kontakt zu Mark Schmidt. Der Erfurter Arzt soll ihm versichert haben, dass er keine Dopingmittel geben und keine Dopingmetho­den anwenden werde, die zu gesundheitlichen Schäden führen würden. So begann die Zusammenarbeit, zu 10 000 Euro pro Jahr. Im April 2017 wurden Hauke 1,5 Liter Blut abgenommen. Schmidt zentrifugierte das Blut und gewann auf diese Weise drei Beutel an erythrozytenreichem Blut. Dieser Vorgang wurde wiederholt, bis Hauke sechs solche Beutel im Tiefkühler des Arztes hatte, versehen mit dem Codenamen „Moritz“. Danach trainierte er im Sommer ohne Doping, bis er Ende September 2017 mit der Verwendung von Wachstumshormonen (hGH) begann.

Hauke musste Körper und Muskulatur an eine höhere Trainingsbelastung gewöhnen: mit Doping war es ihm möglich, mehr und härter zu trainieren. Prompt fühlte sich Hauke zu Saisonbeginn leistungsfähiger. Für die Rennen verwendeten Hauke und Schmidt die Methode „rein und raus“. Ein bis zwei Stunden vor dem Start wurden ihm zwei Beutel an konzentriertem Blut reinfundiert, in der Regel in einem Hotel. nahe des Startgelän­des. Nach dem Rennen wurde ihm das Blut wieder abgenommen. So wiesen auch die Werte im biologischen Pass keine Auffälligkei­ten auf. Hauke erzielte bessere Resultate und befürchtete sogar, zu schnell zu sein und aufzufallen. Deshalb bremste er in den Rennen teilweise ab. Ein Liter reinfundiertes Blut bedeutete für Hauke auf 15 Kilometer einen Zeitgewinn von rund 40 Sekunden.

Es folgten die Olympischen Winterspiele vom 9. bis 25. Feb­ruar 2018, in Pyeongchang, Südkorea. Am 3. Februar wurde ihm Blut reinfundiert, am 4. Februar spritzte sich Hauke auf der Toilette des Flughafens nochmals hGH. Kurz nach der Ankunft in Süd­korea wurde ihm wieder ein Liter Blut abgenommen, danach Lagerung des Bluts, bereit zur Reinfusion für die Wettkämpfe. In Pyeong­chang startete Hauke bei drei Einzelrennen, Plätze 27, 29. 36.

Um beim Dopen nicht aufzufallen. wählte er simple Kniffe. Nach der Blutabnahme änderte er die Aufenthalts­orte in seinem ADAMS-Kalender der WADA, damit er für Kon­trollen nicht mehr so einfach zu finden war. Wenn er oder andere Doper im Team zur Kontrolle aufgeboten wurden, tranken sie Salzwasser, damit die Blutwerte weniger auffällig waren. Weitere Tricks, die Hauke anwandte, um die Kontrollen und den Nachweis von Dopingsubstanzen zu erschweren: Türklingel und Mobiltelefon ausschalten, immer viel trinken, oft auf die Toilette gehen morgens gleich nach dem Aufstehen … Wenn ein Kontrolleur auftauchte, verwickelte ihn Hauke in längere Gespräche, um den Test hinauszuzögern. Unter solchen Umständen ist der Nachweis von hGH prak­tisch unmöglich …

Hauke zeigt die Daten seines biologischen Passes. Aufgrund der heutigen Regeln hatte er direkt Zugriff auf seine Daten, sobald ein Labor sie gemessen und auf ADAMS hochgeladen hatte. Damit lie­ßen sich die Dopingpraktiken verfeinern, Hauke fiel noch weniger auf. Der Blutpass erwies sich also nicht nur als Werkzeug zur Über­führung von Dopern, sondern auch als Hilfsmittel für Doper zur Verfeinerung der eigenen Blutmanipulationen, wenn sie über das WADA-System zeitnah auf ihre Blutwerte zugreifen können.

So wähnte sich Hauke immer sicherer mit dem verwendeten Dopingsystem. Bis zum 27. Februar 2019.

23. Juli 2019: Die österreichische Anti-Doping-Rechtskommission sperrt Hauke für vier Jahre. …

30. Oktober 2019: Das Landgericht Innsbruck verurteilt Hauke wegen schweren Sportbetrugs zu einer fünfmonatigen Bewährungs­strafe und zu einer Buße von 480 Euro.

27. Januar 2020: Das Landgericht Innsbruck verurteilt Dürr wegen gewerbsmäßigen Betrugs zu 15 Monaten Haft auf Bewährung.

In Tokio endet Haukes Präsentation mit der Frage: „Was könnte Doping verhindern?“ Er habe diese Frage oft gehört in letzter Zeit, sagt Hauke, und vermutlich gebe es keine einzelne Maßnahme. Ge­setze wie in Österreich oder Deutschland hätten ihn zumindest in einer gewissen Unsicherheit leben lassen – aber Gesetze und Unsi­cherheit waren nicht stark genug, um ihn vom Doping abzubringen. „Ich war nicht bereit, meinen Traum aufzugeben«, sagt Hauke. Es war auch der Kampf um das gewohnte Leben, warum er mit Do­ping begann, die Sorge, plötzlich nicht mehr gut genug zu sein. Er habe befürchtet, sein Leben aufgeben zu müssen, sein Sozialleben, so sagt es Hauke in Tokio – „diese Angst war größer als die Angst, überführt zu werden.“


Siehe auch profil.at: „Ist das gut für den Sport?“, 12.3.2019